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31. Juli 2012
Bayreuther Festspiele: Von geliebten und ungeliebten Kindern
Die Premierenwoche der Bayreuther Festspiele: Wenig Neues beim "Tannhäuser", Abschied vom "Parsifal" und witzige "Meistersinger" für junge Wagner-Freunde.
Viele Geschichten in Bayreuth beginnen nicht auf dem "Grünen" Festspiel-Hügel. Sondern ein bisschen tiefer. Übrigens auch die von Richard Wagner selbst, der dereinst auf die oberfränkische Stadt gestoßen war wegen der riesigen Dimensionen ihres Markgräflichen Opernhauses, das es gerade auf die Unesco-Welterbeliste geschafft hat. Auch das Openair-Wagnerle-Puppentheater – der Franke liebt die Verniedlichungsform – steht in respektvollem Abstand zu seinem Vorbild, aber immerhin nahe eines griechischen Restaurants, das vorgibt, das letzte vor dem Festspielhaus zu sein. Die Inszenierungen dort sind überschaubar. Und nicht nur das. Den Mini-"Tannhäuser" etwa dominieren das Konterfei der neuen Oberbürgermeisterin und, auf einer sich drehenden Zielscheibe gespickt, das von Co-Festspielleiterin Katharina Wagner. Anmerkungen zum Stand des Verhältnisses zwischen den beiden Damen…
Auf solcherlei Ironie muss man im Kraftzentrum der Festspiele, der Bühne, verzichten. Gleichwohl nicht auf Konfliktpotential. Dirigent Christian Thielemann soll, wie man hört, Regisseur Sebastian Baumgarten noch bei den Proben scharf und coram publico kritisiert haben ob seines "Tannhäusers". Dass Bayreuths heimlicher Generalmusikdirektor mit der auch von der Kritik fast ausnahmslos verurteilten Version der Sängerkriegsoper rund um eine Biogasanlage wenig anfangen könne, war zu erwarten. Weshalb er anstelle Thomas Hengelbrocks indes die musikalische Leitung übernahm, gehört zu den unerklärlich tiefen Rätseln am Bayreuther Wagner-Komos. Und klar, Thielemann macht’s anders, drückt da auf den Reset-Knopf, wo Hengelbrock ein eher introvertiert kammermusikalisch dichtes Gewebe aus der romantischen Partitur flocht, lässt die Musik ständig unter Strom stehen, molto espressivo die Hallenarie, Pathos pur bei den großen Chorensembles. Allerdings auch viel Manierismus, als ob der Dirigent sich permanent selbst inszenierte. Vielleicht ist’s gut so, denn das Installations-Patchwork einer "schönen neuen Welt" aus "bioethischer Sicht", das im Programmheftessay noch einmal weitschweifig verteidigt wird – man will es schon jetzt nicht mehr sehen in seinen Albernheiten, konfusen Bildern und abstrusen Konstruktionen. Immerhin, Tannhäuser muss nicht mehr in einer Unterhose auftreten und erfährt durch die Neubesetzung mit Torsten Kerl einen gestählten tenoralen Klang, wenngleich dessen Neigung zum Forcieren einen stechenden, zu weit vorne sitzenden Ton generiert, überdies allzu naturalistisch (Rom-Erzählung!) in der Gestaltung. Neu auch die Venus – Michelle Breedt, unaufdringlich, glanzlos und auch wenig verführerisch im Klang. Dass Camilla Nylunds Elisabeth an den gleichen – nicht wenigen – Stellen zu tief intoniert wie im Vorjahr und Michael Nagys Wolfram mit seinem Lied an den Abendstern immer noch unter seinen liedgestalterischen Möglichkeiten bleibt, muss man zur Kenntnis nehmen. Womöglich beschädigt Joep van Lieshouts Bühnenungetüm auch die Stimmbänder…
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Man wundert sich schon ob dessen, was im Zentrum der weltweiten Wagner-Interpretation möglich ist. Oder unmöglich. Wenn bei einer "Tristan"-Produktion im Grunde nur einer verständlich artikuliert – Kwangchul Youn als samtweicher König Marke, ein Basso profondo von erster Güte –, und das in einem Musiktempel mit einzigartiger Akustik, dann wird man nachdenklich ob der Bayreuther Stimmauswahl. Robert Dean Smiths Tristan leidet nachvollziehbar aber irgendwie auch zuverlässig im Mezzoforte, Iréne Theorins Isolde ist von einer eigentlich angenehm nasal klingenden Faktur, die beim Forcieren leider ins unangenehm Schrille kippt. Ach ja, angeblich ist nach diesem Jahr endgültig Schluss mit Christoph Marthalers, von Peter Schneider sehr präzise dirigierter, autistischer Inszenierung, bei der man nie den Eindruck loswurde, dass der Regisseur die Produktion wie ein ungeliebtes Kind in die Babyklappe warf; dabei war man schon fast dabei, sich mit dem kindischen Wesen seiner Isolde anzufreunden…
Ein anderer Abschied dagegen fällt schwer: der von Stefan Herheims epochalem "Parsifal". Was in dieser Inszenierung tiefenpsychologisch und rezeptionsästhetisch an Auseinandersetzungen mit Wagners Bühnenweihfestspiel stattfand, ist gigantisch – und obendrein auf höchst unterhaltsamem Level. Gut, dass die Produktion jetzt in den Kinos live übertragen und dann auf DVD erscheinen wird, schlecht, dass die Besetzung in diesem Jahr kränkelt. So viele Buhs erfuhr eine Sängerin schon lange nicht mehr auf der Hügelpremiere wie Susan Maclean. Nicht zu Unrecht. Ihre Kundry schmerzt bei den schrillen, scharfen und oft unsauberen dramatischen Ausbrüchen in der Höhe. Und der neue Parsifal von Burkhard Fritz verausgabt sich im zweiten Aufzug so, dass er in den Tiefen der Partie im Schlussakt allzu sehr untergeht. Erfreulich dagegen das Debüt von Philippe Jordan, der einen pastosen, beinahe impressionistischen Orchesterklang pflegt. Trotz oft sehr breiter Tempi wie im Vorspiel zum dritten Aufzug verliert sein Dirigat nie den strukturellen Überblick.
Das lässt sich auch über Andris Nelsons am Pult des "Lohengrin" sagen: Da ist einer in Bayreuth angekommen. Mit den beiden Stars – dem knabenhaft klingenden Klaus Florian Vogt in der Titelpartie und Annette Dasch als vom Volumen her leicht überforderter Elsa – punktet diese Inszenierung. Susan Macleans Ortrud-Debüt stößt auf gemischte Reaktionen, Freiburgs einstiger Wozzeck Thomas J. Mayer als Telramund vermag mit kantablem Bariton weitgehend für sich einzunehmen. Regisseur Hans Neuenfels strömt ein Buhkonzert entgegen; seine Rattenmetapher und seine konsequente Ironisierung Wagner’scher Heroik stößt im Gralstempel auf Widerstände.
Andererseits: Was wäre Bayreuth ohne seine Konstanten? Zum Beispiel die frenetischen Bravosalven gegenüber dem Chor und seinem Chef Eberhard Friedrich. Wobei genaues Hinhören lehrt: Bei allen wuchtigen Klangdimensionen dieses sicherlich einmaligen Apparates – es galt in früheren Zeiten mehr der Präzision. Der Punktgenauigkeit, Exaktheit in der vertikalen Klangstruktur unter dem früheren Chef Norbert Balatsch hinkt der Festspielchor derzeit etwas hinterher. Konstante zwei: das Festspielorchester. So unterschiedlich die ästhetischen Vorstellungen der Dirigenten auch sein mögen – so weich, so elegisch und so sensibel in den Soli klingt Wagner eben nur an diesem einmaligen Ort.
Das hört man dann schon, wenn man sich vom Kraftzentrum einige Meter entfernt, auf die Probebühne IV, dem mittlerweile schon traditionellen Ort für die Wagner-Kinderoper. Dort geben rund 30 Musici des Brandenburgischen Staatsorchesters Marko Zdraleks exzellent kompakt eingerichteter Fassung der "Meistersinger" eine schöne transparente Struktur, aber natürlich bleibt’s beim – liebenswerten – Wagner light. Der ist allerdings in diesem Jahr so witzig, so gut wie noch nie. Die gemeinsame Fassung von Hartmut Keil, der das Orchester sicher führt, und Regisseurin Eva-Maria Weiss macht keine primitive Blödelei aus Wagners einziger großer komischer Oper, sondern ein intelligentes, pfiffiges Spiel rund um die Nürnberger Singschule, die bei Weiss gleichzeitig Malschule ist. Stimmlich ist das Ganze erstklassig besetzt, mit Jukka Rasilainen (Sachs), Ralf Lukas (Beckmesser) oder Christiane Kohl als natürlicher Eva sowie dem rührigen Kinderchor der Phorms-Schule Frankfurt. Dazu kommen herrlich bunte, anspielungsreiche Kostüme und Perücken wie aus Comics. Oder, bei Licht besehen, aus dem Neu-Bayreuth eines Wieland Wagner. Und so schließt sich der Kreis ums Kraftzentrum. Mit einer Hommage an diese Zeit und eine ihrer großen Protagonistinnen – Martha Mödl. Der wunderbaren Singdarstellerin ist zum 100. Geburtstag eine überaus konzentrierte Ausstellung in Bayreuths Stadtbibliothek gewidmet. Die ist zwar weit weg vom Festspielhaus, dafür relativ nah an Wagners Villa Wahnfried. Die infolge bevorstehender Sanierungs- und Museumerweiterung geschlossen ist. Ausgerechnet auch im Wagner-Jahr 2013. Aber das ist eine andere, gleichwohl typische Bayreuth-Geschichte.
– "Parsifal". Liveübertragung in Kinos, darunter der Freiburger Harmonie und dem Offenburger Forum , am 11. August, 16 Uhr. http://www.wagner-im-kino.de
Autor: Alexander Dick



