Begegnungen im Ausnahmezustand

Michael Baas

Von Michael Baas

Fr, 21. April 2017

Kino

"Träges Herz": Ein Stück über Europas Flüchtlinge in Basel.

Ganz nach oben in die Schlagzeilen schaffen es die Meldungen von den europäischen Flüchtlingsfronten nur noch selten. Das Thema hat sich abgenutzt, die moralische Entrüstung ist kanalisiert – solange sich Schockbilder angespülter Kinderleichen vermeiden lassen. Zeit zur Bestandsaufnahme. Da setzen Lorenz Nufer (Regie) und Renata Burckhardt (Text) mit ihrem Stück "Träges Herz" an, das in der Kaserne Basel uraufgeführt wurde.

Das Spiel switcht zwischen Brennpunkten der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 in der Ägäis; es nimmt nicht nur Europa, dessen sogenannte Werte und seine Doppelmoral aufs Korn, sondern auch die freiwilligen Helfer und deren Motive – bis zur These, dass unter diesen Gutmenschen die nicht fehlen, die vor allem an der persönlichen Performance interessiert sind, via Flüchtlingshilfe an Online- und Karriereprofilen feilen. Auf einen Container im Hintergrund projizierte Videoaufnahmen aus Flüchtlingscamps oder von Stränden, an denen die Boote landen, suggerieren dokumentarische Authentizität. Die im Stil einer Manege gestaltete Bühne sorgt für Unmittelbarkeit, der Videoappell, dass alles auch mit der Schweiz zu tun habe, macht klar, dass es ernsthaft um die eigene Haltung geht.

In diesem Setting springt der Flüchtlingszirkus zwischen Lesbos und Idomeni, Thessaloniki und Telefonkontakten mit Verwandten, Affären und Arbeitgebern in Mitteleuropa hin und her. Im Zentrum des auf Recherchen und Gesprächen basierenden Plots steht Marthe (Pascale Pfeuti). Mit Rollköfferchen auf Reise in Thessaloniki gerät sie auf der von der Mutter geforderten Suche nach dem im Flüchtlingschaos verschollenen Bruder immer tiefer in die Kreise der von Julia Schmidt und Dominik Blumer verkörperten Helfer, Flüchtlinge und NGO’s.

Diese Begegnungen im Ausnahmezustand stimulieren eine kathartische Entwicklung: Die spitzzüngige Beobachterin im "Fucking Nowhereland", die die Helfer als neue Jugendbewegung abtut, nur Aktivismus sehen mag, "Leidenspornographie", entwickelt Empathie und den Impuls, nicht tatenlos zusehen zu wollen. Die Zynikerin entpuppt sich als verkappte Idealistin. Den Gegenpol verkörpert der abwesende Bruder, der durch seinen Einsatz für Flüchtlinge in deren Kreisen zum Star geworden ist. In Marthes Erinnerung ist er ein "Loser", dessen Engagement sie als Eskapismus brandmarkt. Aus diesem Weltverbesserer wird im Lauf von 85 Minuten ein Radikaler, den das Sisyphoshafte seines Einsatzes aufreibt, das Anrennen gegen Strukturen zermürbt, das entindividualisierende Massenmanagement in den Lagern verdrießt, der es leid ist, Pflaster und weiße Salbe zu verabreichen und eine Guerillaaktion plant.

Am Ende erörtern die Geschwister ihrer Positionen in einem Dialog. Während der Bruder zunehmend unerbittlicher die Systemfrage stellt, übernimmt Marthe die Rolle derjenigen, die an die Macht guter Taten glaubt: "Wir müssen uns verhalten gegen das träge Herz." Nufer, Burckhardt und ihrem Ensemble ist ein formidabler theatraler Crashkurs zum Europa der Flüchtlingsdiskussion gelungen: Sie liefern auch den Beweis dafür, wie aktuell Theater sein kann.

Weitere Aufführungen: 21. und 22. April jeweils 20 Uhr, Kaserne Basel.