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16. Juli 2011

Berauschte Theologie

Hugo Balls "Byzantinisches Christentum" – die Bekenntnisschrift eines Asketen.

  1. Lektion der Askese: Hugo Ball Foto: akg

Wenn Revolutionäre gleich welcher Provenienz von ihren Überzeugungen abrücken und plötzlich mit einer ganz anderen heilsgeschichtlichen Botschaft durch die Lande ziehen, dann werden sie umgehend als Sektierer oder falsche Propheten verdächtigt. Dies musste auch der eigensinnige Pfälzer Freigeist, Dichter und Mystiker Hugo Ball (1886–1927) erfahren, als er nach seinen spektakulären Aktivitäten als Herold des Dadaismus in Zürich allen avantgardistischen Missionierungsversuchen abschwor und einen "integralen Katholizismus" zum neuen Königsweg seines Lebens ausrief.

War noch 1917 die verzückte Sprach-entgrenzung auf der Cabaret Voltaire-Bühne in Zürich sein Markenzeichen, so empfahl er kurz darauf seinen Dada-Freunden die Lektüre der Kirchenväter und verlangte von sich die "strengste Selbstausschließung" im Zeichen der Kirche. Im März 1921 orakelte er in einem Brief von einem intellektuellen "Abenteuer", das ihn auf neue Wege führe, und dass er dabei "mit Früherem völlig breche und eigentlich eine Konversion schreibe". Dieses Abenteuer entpuppte sich als das theologische Kontemplationsbuch "Byzantinisches Christentum", die Bekenntnisschrift eines religiös geläuterten Dichters, zugleich ein Manifest des asketisch-mystischen Katholizismus.

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Was da im Juni 1923 unter dem Titel "Byzantinisches Christentum" in die Buchläden der Weimarer Republik gelangte, ist bis heute das rätselhafteste Werk Hugo Balls geblieben. Es hat zwar zunächst anerkennende Rezensionen erhalten, geriet aber bald in den Verdacht eines religiösen Sektierertums. Die Theologen, die sich des Buches annahmen, stießen sich an Balls Verletzung der wissenschaftlichen Standards, die früheren Freunde Balls aus den Kreisen der Zürcher Avantgarde schüttelten nur die Köpfe und beschuldigten den früheren Weggefährten der religiösen und politischen "Regression".

Fast niemand konnte nachvollziehen, auf welchen Wegen Hugo Ball zu seinem großen Plädoyer für die Askese und die hierarchische Ordnung der Kirche gelangt war. In seiner "Kritik der deutschen Intelligenz" von 1919 hatte sich Ball noch mit großer Verve als Kritiker des Protestantismus und des preußischen Machtstaates exponiert und eine anarchistisch-christliche Utopie entworfen, die er in einer "neuen Internationale der religiösen Intelligenz" fundieren wollte. Im "Byzantinischen Christentum" war plötzlich von politischen Fragen und von den anarchistischen Faszinationen Balls keine Rede mehr. Im Zentrum standen stattdessen drei fromme Mönche, Asketen und Einsiedler des frühen Mittelalters, die in ihrer Zeit die absolute, selbstlose Hingabe an Gott und seine Kirche predigten.

Triptychon mit

drei Heiligenleben

In einer Art Triptychon führte Ball drei Heiligenleben vor: Zur Linken steht Johannes Klimakus, der asketische Mönch und Verfasser der "Scala Paradisi", der "Himmelsleiter", der um das Jahr 580 nach Christus der Abt des Sinaiklosters war. Zur Rechten steht der heilige Symeon, der Stylit, der im 5. Jahrhundert als erster Säulensteher berühmt wurde. Und in der Mitte thront die Rätselgestalt Dionysius Areopagita, ein in seiner historischen Identität umstrittener Autor, der um das Jahr 500 Motive des sogenannten Neuplatonismus und der Gnosis in seine Idee der hierarchischen Kirche integrierte.

Das Buch ist streckenweise schwer zu lesen, weil Ball in den drei Kapiteln sich ganz unterschiedlicher stilistischer Verfahren bedient: Für den Asketen Klimakus und den Säulensteher Symeon wählt er die Form der einfühlsamen Heiligenerzählung, bei Dionysius Areopagita, dem der umfangreichste Teil des Werks gewidmet ist, bemüht er sich dagegen um einen strengen theologischen Essay, der einer gewissen begrifflichen Sprödigkeit nicht immer entkommen kann.

Man muss es schon eine editorische Großtat nennen, wenn nun, fast neunzig Jahre nach Erscheinen des "Byzantinischen Christentums", endlich eine verlässliche textkritische Edition des Werks erscheint, die der Theologe Bernd Wacker akribisch kommentiert hat und die mit einigen Missverständnissen aufräumt. Bernd Wacker hat in jahrelanger Kleinarbeit die Quellen Hugo Balls nachgeprüft und kommt zu dem Ergebnis, dass es der leidenschaftliche Katholik nicht so genau nahm, wenn es um das Zitieren seiner Kronzeugen ging, und zudem äußerst dünnhäutig auf Kritik reagierte.

Gleichzeitig wird aber auch die ästhetische Einzigartigkeit des Werks hervorgehoben, das ja ein Dichter abgefasst hat, der nach der Poesie nun auch die Theologie revolutionieren wollte. Hugo Ball selbst hat in einem ungedruckt gebliebenen Vorwort zum "Byzantinischen Christentum" auf die tieferen Motive seines Werks hingewiesen. Seiner rabiaten "Kritik der deutschen Intelligenz", dieser fulminanten Abrechnung mit dem preußischen Geist des Militarismus, wollte er einen positiven Entwurf zur Seite stellen. "Das Thema", so Ball, "der deutsche Geist, die deutsche Moral, ist dasselbe geblieben. Aber die Geste des Rebellen ist verschwunden … Eine berauschte Theologie, eine Gotteslehre, in der ich alle höheren Werte zu sammeln und zu begründen suche, kommt überschwenglich zum Ausdruck."

Zur Zeit der Abfassung seines Werks war der Dichter offiziell wieder in die katholische Kirche eingetreten, die er 1912 verlassen hatte. Die radikale Askese und das Mönchtum der frühbyzantinischen Kirche empfand er seit 1921/22 als ideale Lebensform. Dabei verstieg er sich gelegentlich in einen katholischen Rigorismus, der die "Unbedingtheit der Nachfolge Christi" nur in der Ausschließung aller säkularen Dinge zu erreichen glaubte.

Der Ex-Dadaist

als Säulensteher

Insofern geht man nicht fehl, wenn man die Poetik des späten Hugo Ball mit der Lebenspraxis des syrischen Säulenstehers Symeon vergleicht: Man kann sich den Ex-Dadaisten gut auf einer Säule vorstellen, auf der er in immerwährendem Fasten und Beten und Lesen seine Tage und Nächte verbringt. Einer staunenden Gemeinde, die sich an den Verlockungen der Moderne labt, verkündet er die Lektion der Askese. Diese wunderbar unzeitgemäße Botschaft sollte uns auch heute noch beschäftigen.


– Hugo Ball: Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben. Herausgegeben und kommentiert von Bernd Wacker. (Hugo Ball, Sämtliche Werke, Bd. 7). Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 588 Seiten, 38 Euro.

Autor: Michael Braun