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07. Oktober 2013

Betreten erwünscht

Mit Bootslack und Wischmob: Arbeiten von Schirin Kretschmann und Jens Stickel im Freiburger Kunsthaus L6 – die Ausstellung "Panama".

Im Keller probt eine Band. Der Sound von Bass und Schlagzeug rollt in Wellen durch das Freiburger Kunsthaus L6. Aber auch ohne diese Klangkulisse: Ein klassischer White Cube war das zum Kunstort umgebaute Fernmeldeamt an der Lameystraße noch nie. Die markante Betonträgerstruktur der Decke, das strenge Raster der Lichtbänder aus Glasbausteinen und die dominante Wand, die den Raum der Länge nach teilt, bestimmen die Wahrnehmung hier so stark, dass sich Künstler einiges einfallen lassen müssen, um sich mit ihrer Arbeit zu behaupten.

Auf entspannte und souveräne Weise gelingt das derzeit Schirin Kretschmann und Jens Stickel in ihrer von Fiona Hesse kuratierten Doppelschau "Panama". Kretschmann, bekannt für ihre malerischen Interventionen, bei denen die 33-Jährige eingefärbte Eisblöcke im Raum schmelzen lässt und so die Handlung des Malens an physikalische Größen wie Temperatur und Gravitation delegiert, greift auch für ihre neue Arbeit im L6 auf die bewährten Zutaten Wasser, Zucker und Lebensmittelfarbe zurück, diesmal im Farbton "Erdbeer". Schicht um Schicht hat sie die wässrige Lösung mit einem Wischmob in großen, kreisenden Bewegungen auf dem Betonboden verteilt, so dass das Grau des Untergrunds allenfalls noch an den Rändern etwas zu erkennen ist. Die wolkige Farbstruktur und die unscharf definierte Grenze zwischen Boden und Wand versetzen den sperrigen Raum in eine sanfte Bewegung, die wie nebenbei auch die gängige Vorstellung von dem, was ein Bild sei, erfasst.

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Im Zentrum steht hier eine malerische Geste, die sich eigentlich der Spurenbeseitigung verdankt: Der Akt des Aufwischens ist oft die letzte Handlung, mit der Kretschmann ihre Eisarbeiten nach Ablauf einer Ausstellung wieder aus der Welt schafft. Mit ihrer Bodenarbeit im L6 wird sie nun zum bildgebenden Verfahren einer auch historischen Raumerkundung: Unter den transparenten Farbschichten zeichnet sich deutlich jede Schramme und jeder verspachtelte Riss ab. Dass die Besucher Kretschmanns Bild erst mit den Füssen treten müssen, um diese Spuren zu erkennen, gehört zum Kalkül ihrer Malerei, die sich nicht für Fragen der Komposition, sondern für Bildprozesse interessiert. In Jens Stickel hat sie dafür einen idealen Dialogpartner gefunden. Die monochromen, oft grellen Großformate des 32-Jährigen sind übersät mit Zeichen ihrer Bearbeitung: Fußtritte, Knicke, Schmutzspuren, aufgeplatzte Farbblasen, Risse und Schürfungen aller Art lassen erahnen, unter welchem Körpereinsatz diese mit literweise Bootslack versiegelten Bilder entstanden sein müssen. Tatsächlich lässt Stickel gerne die Zeit, den Zufall und das Material für sich arbeiten. So spannt er oft frisch bemalte, noch feuchte Leinwände wieder vom Keilrahmen ab und lässt sie zusammengefaltet trocknen, um die beim Auffalten gerissenen Schichten erneut zu bearbeiten. Eines seiner Bilder verbaute er für eine Party in der Theke einer improvisierten Bar und fixierte die Spuren des ausgelassenen Abends anschließend mit Klarlack. Dass diese leuchtenden, wandfüllenden Formate mit ihren schrundigen Oberflächen auf den ersten Blick oft wie die Außenwände von verschrammten Seefracht-Containern wirken, passt gut zu ihrem Inhalt: als sicher verplombte Gefäße für die während ihres Entstehens aufgewendete Kraft und Zeit machen sie die Idee der Malerei als Performance transportfähig.

Der Bass, der nach wie vor vom Keller heraufdröhnt, liefert dazu übrigens einen tollen synästhetischen Mehrwert: Fast könnte man meinen, der Sound dringe direkt aus Stickels Bildräumen und lasse langsam den erdbeerrot glühenden Boden schmelzen.
– Kunsthaus L6, Lameystr. 6, Freiburg. Bis 10. November, Donnerstag, Freitag, 16–19 Uhr, Samstag, Sonntag 11–17 Uhr.

Autor: Dietrich Roeschmann