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16. April 2009 07:20 Uhr

Konzert in Basel

Bob Dylan: Altersstil hört sich anders an

Der Meister touchiert die Region. Erst Basel, später Straßburg – Bob Dylan ist noch immer Publikumsmagnet: Eindrücke vom Schweizer Auftritt des transatlantischen singenden Lyrikers.

  1. Auch in Basel war ein Lächeln allenfalls zu erahnen: Bob Dylan. Foto: promo

Der Vorhang ist von tiefblau samtener Farbe. Eine Farbe für einen König. Für den König. Der trägt einen schwarzen Hut, von der gleichen Art wie seine drei Gitarristen, die, aufgereiht, wie sie stehen, einem Italowestern entstiegen sein könnten. Der König ist auf die Minute pünktlich. Schlag acht beginnt in der Jakobshalle in Basel das siebzehnte Konzert, das Bob Dylan auf seiner jüngsten Europatournee – vom Norden zum Süden, von Schweden bis Italien – absolviert. Die Halle, die 9000 Menschen fasst, ist zu gut zwei Dritteln gefüllt. Als die Band die Bühne betritt, hält es kaum noch einen auf seinem Sitzplatz. Rudelweise strömen die Zuschauer, von den Sicherheitsleuten kaum bedrängt, nach vorn. Manche Fans hält es vor Begeisterung nicht mehr auf dem Boden. Sie steigen auf die Stühle – die Hinteren haben das Nachsehen.

Sein Verhältnis zum eigenen Liedgut scheint sich entspannt zu haben

Es wird ein großartiges Konzert werden. Das spürt man schon beim ersten Song. Die Musiker sind fantastisch aufgelegt. Die beeindruckende Größe der Sportarena scheint sie zu beflügeln. Sie rocken die Halle: mit wuchtig blockhafter Percussion, treibenden Gitarrenriffs – und an der Seite, das Keyboard vor sich, lauert mit Habichtblick (man sieht ihn, wenn man ihn sieht, nur im Profil) der Meister, drischt Akkorde in die Tasten, wippt manchmal in den Knien, stößt gelegentlich kraftvoll (und ohne falsche Töne) in die Mundharmonika. Altersstil hört sich anders an. Und die Stimme: Geschmeidig war sie nie; immer trockener ist sie geworden im Lauf von fast fünfzig Konzertjahren. Bob Dylan bellt seine Songs; er zerdehnt und zerhackt und zerkaut die Phrasen und neuerdings klingt er manchmal fast so aschig wie Tom Waits.

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Doch sein Verhältnis zum eigenen Liedgut scheint sich entspannt zu haben. Der Zwang, jeden Song auf der Bühne bis zur Unkenntlichkeit zu zerlegen und auf diese Weise neu zu erfinden, hat sich erledigt. Zwar hat das Dylan-Kartell immer noch Grund genug, die Setlist nach dem jeweiligen Konzert ins Internet zu stellen (das dauert nur wenige Minuten) – und seit man sich darauf verlassen kann, hört man entspannter zu, ohne diese Kreuzworträtselgrübelei. Doch zu manchem großen Hit hat der Sänger offenbar neues Vertrauen gewonnen. Vielleicht hat er deshalb die Hymne einer ganzen Generation bisher noch bei keinem einzigen seiner aktuellen Auftritte ausgelassen – und es ist erstaunlich und bewegend, dass sich "Like A Rolling Stone" nicht abnutzt, dass es immer noch so schwungvoll die Türen aufreißen und frische Luft ins gesettelte Leben hineinblasen kann wie in Basel. 74 verschiedene Songs aus seinem unerschöpflichen Repertoire hat Dylan seit dem Tourneestart am 22. März in Stockholm gesungen. Was, wann, wo: Auch das wird von den Exegeten fein säuberlich aufgelistet – wobei sich über das Warum (warum manche Lieder so oft, warum manche nie?) herrlich und endlos spekulieren lässt.

Seit dem Basler Konzert ist noch eins dazugekommen: "Visions of Johanna", genau in der Mitte von 18 Nummern (zählt man die drei obligaten Zugaben mit) platziert; diese rätselhafte melancholische fremdschöne Ballade von dem berühmten Album "Blonde on Blonde" aus dem Jahr 1966: "How Can I Explain?". Da kann man eben nichts erklären, zum Glück, nichts vereinnahmen, für welche Weltanschauung auch immer. Auch deswegen verlieren die Songs des größten amerikanischen Lyrikers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nie ihren Reiz. Und "Visions of Johanna" mit den fast schmerzlich lang gezogenen Verszeilen gerät zum unauffälligen Höhepunkt des Abends, der ansonsten keiner der leisen Töne ist, in der riesigen Arena nicht sein kann. "Masters of War", das unvermeidliche "Highway 61 Revisited", "Thunder On The Mountain" (vom jüngsten Album "Modern Times"), "All Along The Watchtower", die erste Zugabe: Das peitschen Denny Freeman, Stu Kimball und Tony Garnier nach vorn, das jaulen sie hoch, das untermauert George Recile mit einem massiven Schlagwerkfundament. Das ist energiegeladene, aber nie fette, eher federnde Rockmusik, die sich aufs Schönste mit dem lässigen Swing von "Beyond The Horizon" oder "Spirit On The Water" (beide von "Modern Times") verträgt.

Lässt sich dieses relaxte, coole Zurücklehnen auch auf einen so genannten Protestsong wie "Blowin’ In The Wind" übertragen? Bob Dylan gelingt’s. Er schnippt den Song einfach weg. Er verblüfft uns noch nimmer. Und hat man da bei ihm ein Lächeln gesehen aus purem Spaß an der Freude? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Halle jubelt.

– Weiterer Auftritt in der Region am 21. April, 20.30 Uhr, Straßburg, Le Zénith.

Autor: Bettina Schulte