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24. August 2013

Marion Harder-Merkelbach

"BodenSeele": Buße im Kloster der Günterstaler Schwestern

Marion Harder-Merkelbachs präzise recherchierter Spätmittelalterroman "BodenSeele" ist ein Glanzstück des Genres.

  1. - Foto: Lara Merkelbach

"Gott erweist sich gnädig. Die Günterstaler Schwestern nehmen dich auf und du hast die Möglichkeit, deinen Lebtag Buße zu tun." Mit diesem Satz nimmt Simarnas Schicksal seinen Lauf. Ihr Vergehen: hingebungsvolle Knutscherei mit Matthias am Rande eines Festes auf der Burg Hohentwiel. Ihr Vater hatte sie dabei erwischt. Und ihre Stiefmutter nutzt nun die Chance, sie loszuwerden.

Die heimliche und wechselhafte Liebesgeschichte zwischen der Tochter einer Missionarin der als ketzerisch geltenden Waldenser-Bewegung und dem von Bodensee stammenden Studenten Matthias Reichlin, Sohn des Medicus’ vom Bodensee, der sowohl den Kaiser als auch den späteren Papst Pius II. verarztete, ist die Folie, auf der Marion Harder-Merkelbachs "BodenSeele", einen äußerst gelungenen Geschichtsroman dieser Region erzählt. Ein Roman, der sich in diesem Genre angenehm positiv von vergleichbaren abhebt. Die ansonsten häufig anzutreffende Eindimensionalität der Erzählstruktur und die unkritisch romantisierend naive Haltung gegenüber den Hauptfiguren dieser Erzählungen wird man bei ihr nicht finden. Auch kein triviales Hollywood-Happy-End.

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Überhaupt: Trivialität vermeidet Harder-Merkelbach auf allen Ebenen ihres Romans. Die promovierte Kunsthistorikerin, die in Freiburg studierte, breitet ein sehr detailliertes Tableau der Lebensgewohnheiten und gesellschaftlichen Normen, der Kultur- und Architekturgeschichte des späten Mittelalters aus. Sei es der harte Alltag im Nonnenkloster, die Anfänge der Hexenverfolgung unter Ulrich Molitor und Rudolf von Baden, das Burgleben auf dem Hohentwiel unter den Herren von Klingenberg, der gesellschaftliche Umgang in den humanistisch gebildeten Familien der Reichlins in Überlingen oder Neidharts in Ulm oder die Studienbedingungen an der neugegründeten Albert-Ludwigs-Universität unter ihrem ersten Rektor Johannes Kerer – das alles gestaltet sie mit der gebotenen Distanz gegenüber der geschichtlichen Vergangenheit und doch lebensnah.

Harder-Merkelbach unternimmt die Anstrengung, das individuelle Verhalten ihrer Personen, ihre Art zu denken wie ihre Seelenverfasstheit in einem psychosozialen Kontext zu beschreiben, soweit er sich aus den Fakten der historischen Verhältnisse erschließen lässt. Das funktioniert deswegen besonders gut, da sie ihre Geschichte parallel aus der jeweiligen Perspektive ihrer Protagonisten entwickelt, in denen auch zurückliegende Episoden eine wichtige Rolle zukommt.

"BodenSeele" hat einen Vorgängerroman: "Der Medicus vom Bodensee", erschienen in der Edition Isele. Dieser Erzählerin wäre sehr zu wünschen, dass sich ein großer Verlag interessiert zeigt, um sich nachhaltig auf dem Buchmarkt etablieren zu können.
–  Marion Harder-Merkelbach: BodenSeele. Roman. Weissbooks Verlag, Frankfurt 2012. 333 Seiten, 18,99 Euro.

Autor: Mechthild Blum