Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
19. Mai 2010
"Carmen", historisch
Mit Georges Bizets Erfolgsoper werden die Pfingstfestspiele in Baden-Baden eröffnet.
Ein Hochfest der Hochkultur steht da im Festspielhaus Baden-Baden bevor. Die bis 30. Mai dauernden Pfingstfestspiele an der Oos und ihr reiches Angebot werden mit Georges Bizets Erfolgsoper "Carmen" eröffnet. Für die Inszenierung ist bei dieser Neuproduktion Philippe Arlaud zuständig, die musikalische Leitung hat Teodor Currentzis. Es spielt das Freiburger Balthasar-Neumann-Ensemble.
"Carmen" – für Bizet ist dies das Werk, auf dem sein Ruhm basiert. Zudem ist der 1875 in Paris nicht sehr erfolgreich uraufgeführte Vierakter nach Prosper Mérimées Novelle eine der meistgespielten Opern des Repertoires. Die fesche Carmen ist die beherrschende Figur, und alle anderen Personen sind, so ließe sich überspitzt resümieren, ihre Marionetten. Eine Oper, die nicht eben in den obersten Gesellschaftszirkeln spielt, mit einer skrupellosen Frau als Protagonistin: ein Skandalon! Bei der – man staune – ersten "Carmen"-Inszenierung seiner Karriere möchte der französische Regisseur Philippe Arlaud (der im Festspielhaus ja unter anderem bereits Verdis "Traviata" und Mozarts "Così" fan tutte" realisiert hat) einen tiefenpsychologischen Blick auf "Carmen" werfen.
Werbung
Jetzt in Baden-Baden wird diese emanzipierte Zigeunerin Carmen als überaus dominant, abergläubisch und kriminell gezeigt, der ihr verfallene pflichtbewusste Don José, der das Bauernmädchen Micaela liebt, dagegen als eher schwach. Begeht Don José in der Novelle drei Morde, so befördert er in der Opernadaption lediglich Carmen ins Jenseits. Arlauds Konzept, das auch Bühnenbild und Licht umfasst, impliziert vier Welten: die des Militärs, die der Schmuggler, das Treiben in Lillas Pastias Taverne und die Aura des Stierkampfes. Auch Videosequenzen sind dabei.
"Carmen" und die Klänge dieser Oper kennt der Musikfreund. Um so spannender ist es daher, dass nun Teodor Currentzis am Pult stehen wird, der griechischstämmige Chefdirigent des Opernhauses im fernen Nowosibirsk. Für Baden-Badens Intendanten Andreas Mölich-Zebhauser ist Currentzis erklärtermaßen eine der "ganz großen Entdeckungen der letzten Zeit". Diese hymnische Beurteilung ein beträchtliches Stück weit nachzuvollziehen vermag, wer den Pultmann schon mal live erlebt hat – etwa unlängst beim SWR-Sinfonieorchester im Freiburger Konzerthaus.
Currentzis (Jahrgang 1972) ist ein Dirigent, der der Musik – und dazu zählt bei ihm auch die älteren Datums – quasi auf den Zahn fühlt. Für "Carmen" hat er jetzt die Maxime vorgegeben, das Werk erst von seinen "Traditionen" befreien zu müssen. "Ich werde mit historischen Instrumenten eine frische Sicht auf ,Carmen‘ ermöglichen", kündigte er an. Und fügte hinzu: "Mir geht es um die Transparenz der Musik, einer Musik, die im Grunde sehr ernst ist". Da müsse man alles Gewesene erst mal vergessen. "Carmen", die von Freiheit, Moral und Gesetz handele, habe "in jeder Kultur ihre ganz eigene Lesart" gefunden.
Tonkunst des späten 19. Jahrhunderts nun also mit einem historischen Instrumentarium. Zur Stelle ist es im Freiburger Balthasar-Neumann-Ensemble, jener exzellenten Originalklang-Formation, die ja aufs Engste mit dem Namen Thomas Hengelbrock verbunden ist. Ebenfalls mitwirken wird der Balthasar-Neumann-Chor. Arlaud, Currentzis & Co. – fraglos verspricht das einen innovativen, anregenden Zugang zu dieser Oper. Die Titelpartie wird von der israelischen Mezzosopranistin Rinat Shaham gesungen, die als Interpretin dieser Rolle international gefragt ist. Den Don José gibt der aus Österreich stammende Tenor Nikolai Schukoff.
Die neue "Carmen" bildet die gewichtige Ouvertüre der diesjährigen Pfingstfestspiele, die auch mit anderen Highlights aufwarten. Wer Currentzis obendrein im barocken Fach hören möchte, hat dazu Gelegenheit (am 28. Mai, 20 Uhr): Da erklingen Purcells "Dido and Aeneas" sowie Werke von Antonio Vivaldi. Tags darauf (19 Uhr) präsentieren die Bamberger Symphoniker unter der Leitung ihres Chefs Jonathan Nott die Sinfonie Nr. 3 von Gustav Mahler. All das und noch mehr bei diesem Hochfest der Hochkultur.
Termine: Baden-Baden, "Carmen", Festspielhaus, Premiere: Sa, 22. Mai, 19 Uhr; weitere Aufführungen: Mo, 24. Mai, 18 Uhr, sowie Mi, 26. Mai, 20 Uhr;
Karten: Tel. 07221/3013101
Autor: Johannes Adam


