"Damit ich abends ruhiger schlafen kann"

Fr, 07. November 2008

Kino

BZ-Interview: Lotti Latrous über ihre Arbeit im Slum

Managergattin in Afrika lässt Mann und Kinder sitzen und zieht in den Slum, um Todkranken beizustehen. Warum tut Lotti Latrous das? Das fragte Stefan Hupka die 55 Jahre alte Schweizerin.

BZ: Frau Latrous, was ist egoistisch daran, Todkranken zu helfen?
Latrous: Ist es etwa nicht egoistisch, Haus und Familie zu verlassen, weil man glaubt, man müsse ein Ziel verfolgen?
BZ: Das, wobei Anspichlers Film Sie beobachtet, nennt man eher barmherzig.
Latrous: Er wollte zuerst einen Titel "moderne Mutter Teresa" oder so. Ich sagte, dann kannst du gleich wieder abhauen. Dann sagte er, er habe eigentlich an "Egoist" gedacht. Ich fand, das ist der einzige Titel für diesen Film überhaupt. BZ: Gedreht wurde er schon vor drei Jahren. Ist heute in dem Slum von Abidjan alles noch so, wie man es dort sieht?
Latrous: Genau so. Elend, Schmerz, Leiden und Aids gehen weiter. Also geht auch unsere Arbeit weiter.
BZ: Hatten Sie gehofft, dass sich durch den Film etwas bessert?
Latrous: Ich habe überhaupt nichts gehofft, weil ich es ja wie gesagt für mich mache. Aids ist in Afrika sehr tabu, wir können sagen und zeigen, so viel wir wollen, die Länder machen das trotzdem nicht zu ihrem Problem. Wir machen diese Arbeit nicht, damit etwas besser wird, sondern damit Menschen, die vom Sozialsystem verstoßen wurden, ihre Würde behalten, und sei es nur zum Sterben.
BZ: Objektiv prangern Sie doch das Sozialsystem an und erwarten Besserung.
Latrous: Ich erwarte überhaupt nichts. Die Slumbewohner, erst recht die Aidskranken, stören das Sozialsystem. Auf diese Menschen ist keiner stolz. Je schneller es sie nicht mehr gibt, umso besser für den Staat. Ich will diese Arbeit machen, ohne zu kritisieren oder zu belehren – einfach nur deshalb, weil ich die Möglichkeit habe, etwas zu tun.
BZ: Sie haben die Öffentlichkeit, die der Film Ihnen bringt, nicht gesucht?
Latrous: Nein. Mir ist egal, was die Leute von mir halten, ob ich Schweizerin des Jahres bin und Preise bekomme für das, was ich tue. Für mich ist es das Normalste der Welt, dass man es tut. Ich tue es, damit ich abends ruhiger schlafen kann.
BZ: Normal ist es nicht, das wissen Sie.
Latrous: Für mich doch. Denn wenn ich die Möglichkeit habe und es dennoch nicht tue, bin ich der gemeinste Mensch der Welt. Man kann nicht einerseits wissen, wie es um Menschen steht, und ihnen andererseits den Rücken zukehren und sagen, sind ja nicht meine Kinder. Was können Kinder dafür, dass sie nicht weiß und wohlhabend in der Schweiz geboren sind, sondern schwarz mit Aids in einem afrikanischen Slum?
BZ: Jetzt kennt man Ihre Arbeit...
Latrous: Ja, und manchmal bereue ich, dass es so kam und man so ein Tamtam um mich macht. Aber wie könnte ich mich im Spiegel noch anschauen, wenn ich nicht helfen würde? Dann wäre ich ein genauso krimineller Mensch wie die, die immer sagen, man müsste mal was dagegen tun, aber dann nichts tun.
BZ: Gab es eine Initialzündung?
Latrous: Es kam viel zusammen. Ich half in den Ländern, in denen mein Mann arbeitete, schon immer in Waisenhäusern, statt meine Zeit mit Bridge oder Tennis zu verbringen. Ich sah dann die Slums in Elfenbeinküste, half im Sterbespital von Mutter Teresa und stellte fest, dass man mit dem Geld, für das ich Hundefutter kaufte, einem Kind monatelang zu essen geben könnte. Da ging es mir nicht mehr gut. Ich konnte nicht mehr ausgehen, ich habe mich nicht mehr ernährt. Mein Mann sagte, du bist wie in einer neuen Teenagerrevolte. Ja, ich ließ meine ganze Wut hochkommen. Ich wollte nicht mehr so weiterleben!
BZ: Haben Sie mit dem Kümmern um die große Menschenfamilie den Frieden Ihrer kleinen Familie aufs Spiel gesetzt?
Latrous: Es kommt immer alles so wie es kommen muss, und ich wusste auch: Das, was uns nicht umbringt, macht uns größer. Meine Kinder haben schwere Prüfungen durchgemacht, weil ihre Mutter nicht mehr da war. Aber für mich ist es schön zu sehen, dass sie dadurch so geworden sind, wie sie jetzt sind, reif, nachdenklich und vor allem sehr tolerant.
BZ: So ein Film mobilisiert Spenden. Was werden Sie damit machen, ein neues Fahrzeug anschaffen?
Latrous: Die Frage macht mich wütend. Ich kaufe zu essen, Mann! Die Leute haben nur alle zwei Tage einen Teller Reis. Bei uns fährt man nicht mit neuen Jeeps spazieren, wie die großen NGOs es tun. Und man geht nicht ins Hotel Savoyen, wenn man zur Talkshow eingeladen wird. Ich habe in meinem uralten Karren Menschen sterben sehen und Menschen geboren werden. Sie können sich nicht vorstellen, welchen Wert das für mich hat.
BZ: Diese Arbeit kostet Kraft. Wie lange werden Sie die Kraft noch haben?
Latrous: Das weiß ich nicht. Ich lebe nicht in der Zukunft, nur von heute auf morgen. Ich habe Tuberkulose. Ja, ich habe sie in diesem Spital bekommen. Na und? Es gibt Millionen, die daran leiden.