Das Bäumchen auf der Note

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

Mi, 05. September 2018

Kunst

Die legendäre MPS-Musikproduktion in Villingen wurde vor 50 Jahren gegründet / Jubiläumskonzerte.

Sein Markenzeichen war das Bäumchen, das aus einer Note hervorsprießt: Deutschlands erstes Jazz-Label von Weltrang nahm vor einem halben Jahrhundert seine Tätigkeit auf. 1968 startete die Musik-Produktion Schwarzwald, kurz: MPS, in Villingen, mit einem hochmodernen, damals mit 24-Kanal-Mischpult ausgestatteten Studio. Heute steht das Tonstudio unter Denkmalschutz.

Die aufklappbaren Hüllen der LPs wurden stark beachtet, denn statt Abbildungen von Musikern arbeitete man mit Collagen und farbenfrohen Grafiken, die zum ästhetischen Sammlerwert des Labels beitrugen. Eigentümer Hans Georg Brunner-Schwer, der sich gern HGBS nannte, schrieb sich mit rund 700 produzierten Jazzplatten in die Annalen dieser Musik ein, von den ersten privaten Aufnahmen 1958 mit Wolfgang Dauner, Hans Koller und Albert Mangelsdorff bis zum Verkauf von MPS 1983. Mit dem "größten und abwechslungsreichsten Jazzplatten-Katalog Europas", wie sogar das amerikanische "New Grove Dictionary of Jazz" feststellte, ist ein hervorragendes Stück Jazzgeschichte dokumentiert. Ab 1992 erschienen die Höhepunkte von Deutschlands bedeutendstem Jazz-Label wieder auf CD bei Universal. Durch ein neues Remastering-Verfahren wurde die audiophile Qualität der alten MPS-Schallplatten in der "Most Perfect Sound"-Edition noch übertroffen. Zehn Jahre nach dem Tod des Gründers HGBS ging der komplette Katalog 2014 an die Firma Edel über. Alte Aufnahmen werden nach und nach zugänglich gemacht, die Digitalisierung aller Alben vorangetrieben. Nach 30 Jahren gab es auch wieder Neuveröffentlichungen von MPS mit einem breiten stilistischen Spektrum, das von Rolf Kühn über Hamilton de Holanda bis Marie Boine reicht.

Begonnen hatte es, als HGBS, Miteigentümer der renommierten Firma SABA und gelernter Tontechniker, 1958 in seiner Villa ein Studio einrichtete. Der musikverständige und jazzliebende Geschäftsführer veranstaltete Hauskonzerte, zu denen er Duke Ellington, Teddy Wilson und Oscar Peterson einlud, um nur ein paar Namen zu nennen. Diese Konzerte waren die Grundlage für das neue Label. Es wurde im Frühjahr 1968 gegründet, nachdem SABA verkauft und deren Repertoire übernommen worden war. Vier Peterson-LPs – die legendären Mitschnitte der Hauskonzerte waren Petersons erste Solo-Aufnahmen überhaupt – erreichten hohe Verkaufszahlen. Vorwiegend Pianisten hatten es dem Produzenten angetan. Nach Peterson kamen Eugen Cicero, George Shearing, Monty Alexander, aber auch Wanderer zwischen Klassik und Jazz wie Friedrich Gulda nach Villingen. In den USA machte MPS von 1971 bis 1976 Aufnahmen mit dem Keyboarder George Duke, der die Sound-Palette erweiterte. Viele Produktionen gingen dann auch in Richtung easy listening, Soul oder Bigbands. Mit "Sax no end" setzte die Clarke-Boland Bigband Maßstäbe. MPS besaß zweifellos Signalwirkung für weitere deutsche Labels wie ECM oder FMP, die nach 1968 auf den deutschen Markt drängten. Anregungen kamen von den Donaueschinger Musiktagen und vom Baden-Badener New Jazz Meeting, beide nicht weit entfernt. Als Joachim-Ernst Berendt als weiterer Produzent gewonnen werden konnte, war auch der Kontakt zu den Berliner Jazztagen hergestellt.

Mit "Jazz meets the world" ab 1974 legte MPS den Grundstein für Weltmusik und den späteren Ethno-Jazz. Tony Scott traf auf balinesische Musiker, Irene Schweizer auf indische, George Gruntz auf arabische. Es kamen, wie HGBS in einem Interview später hervorhob, "niemals diese kastenförmigen Produktionen auf, die mich heute noch zum Wahnsinn treiben".

Jubiläumskonzerte: "Jazzin’ the Black Forest (7.–9. September im MPS-Studio, bzw. Franziskaner-Konzerthaus, Villingen-Schwenningen) http://www.mps-music.com www.mps-villingen.de
CD-Tipp: "50 years MPS" und "Cosmic Forest – The spiritual sounds of MPS" (Edel).