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14. Januar 2016

Das Gleiche ist das Andere

Eine Installation von Rodrigo Hernández und eine Komposition von Andrés Nuño de Buen im Freiburger kulturwerk T66.

Es ist ein seltsames Gefühl, einen Raum zu verlassen, die Tür hinter sich zuzuziehen, Treppen zu steigen, um dann hinter einer weiteren Tür im Stockwerk darüber exakt den gleichen Raum vorzufinden, in dem man sich eben befand. Kann das mit rechten Dingen zugehen?

Natürlich nicht. Und so kommt man sich beim Besuch der Ausstellung "Dúo", die der in Basel lebende Künstler Rodrigo Hernández zusammen mit dem mexikanischen Komponisten und Rihm-Schüler Andrés Nuño de Buen im Freiburger kulturwerk T66 eingerichtet hat, zunächst einmal vor wie in einem absurden Traum. Kaum hörbar klingt im ersten Raum unter einem zusammenfalteten blauen Tischtuch die Tonspur einer Komposition de Buens für Crashbecken, Klanghölzer und Fagott. Gedämpft kriechen die Klänge unter dem Stoff hervor und breiten sich in scheinbar immer gleichen Soundschleifen im Raum aus wie Schlingpflanzen im Unterholz eines Dschungels. Dazu schweben bodennah von der Decke vier abstrakte, schwarz lackierte Pappmaché-Fragmente eines Mobilés wie auf der endlosen Suche nach einer gemeinsamen Form. Flankiert werden sie von einer flachen Kartonskulptur, die auf dem Boden ruht wie ein Fahnenhalter, dem die Fahne fehlt. Ein winziges Gemälde darüber an der Wand öffnet den Blick auf eine extrem verpixelte urbane Skyline aus ockerfarbenen Rechtecken vor hellblauem Grund.

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Die stille Vergeblichkeit, die dieses Setting atmet, ist so irritierend wie anrührend. Selbstvergessen und isoliert ruhen die Dinge hier nebeneinander im Raum und schweben doch in einer fragil ausbalancierten Ordnung. Dass sich diese Situation – akustisch verbunden durch de Buens Komposition – im zweiten Obergeschoss nahezu identisch wiederholt, provoziert zunächst ungläubiges Staunen, ist aber alles andere als Effekthascherei. Tatsächlich geht es Hernandez und de Buen in ihrer Doppel-Installation um die Dimensionen von Zeit und Bewegung als Bedingungen unserer Wahrnehmung. Indem die beiden durch Wiederholung den Vergleich zwei räumlich voneinander getrennter Situationen herausfordern, schärfen sie den Blick für die Differenz: Lag über der Skyline im ersten Raum nicht eine wärmere Lichtstimmung als im zweiten? War die Decke, aus der die Fagottklänge im unteren Geschoss kamen, wirklich gelb? Und kann es sein, dass das Mobilé dort gar nicht frei im Raum schwebte, sondern den Boden berührte?

Während de Buens Komposition der Idee folgt, repetitive Soundmuster als dynamischen Prozess hörbar zu machen und damit eine Verbindung zwischen den Stockwerken im T66 herstellt, entfalten Hernandez’ Arbeiten ihre hypnotische Wirkung im Setting einer Ausstellung, die immer nur zur Hälfte im realen Raum, zur anderen Hälfte aber im Kopf stattfindet. Poetischer lässt sich der Zusammenhang von Erinnerung und Erfahrung kaum inszenieren.

kulturwerk T66, Talstr. 66, Freiburg. Bis 19. Februar. Do bis Sa 14-18 Uhr.

Autor: Dietrich Roeschmann