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27. April 2009
Das Glück der Unterwerfung
Die Heinrich-Böll-Stiftung präsentierte zum Auftakt ihrer Campustour in Freiburg eine theatrale "EU-Familienaufstellung"
Seit einigen Monaten werden Europa und die Europäische Verfassung schon in der Kammerbühne des Freiburger Theaters aus allen möglichen Perspektiven seziert. Am Freitag machte auch die Universität mal mit, allerdings nicht von sich aus, sondern auf Betreiben der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Parteistiftung der Grünen beschloss, den Freiburger Auftakt zur Campustour durch Deutschlands Universitäten, mit der sie bis Ende Juni "die Politik an die Hochschulen zurückholen" will, im Hörsaal 1010 mit der Theaterproduktion "Wie Europa gelingt – eine EU-Familienaufstellung" zu garnieren.
Der Titel ist Programm. Zu Beginn liegt die Autorin Katja Hensel als Europäische Verfassung buchstäblich auf Eis und führt, nachdem alle Besucher Platz genommen haben, mit sieben EU-Ländern eine Familienaufstellung durch. Da sind das egomane Irland (Annick Klug), das nicht mal ignorierte Malta (Anne Weinknecht), das angstlustige Litauen (Birgit Würz), der stolze Macho Spanien (Victor Calero), der Jawoll-Apparatschik Finnland (Christian Dieterle), das Zwillingsbruderproblem Zypern (Sven Philipp) und das weinerliche Polen (Michael Stobbe). Ihr Verhältnis zur EU stellen sie alle sehr eigensinnig auf. Irland braucht nur sich selbst, für Polen reichen die Teilnehmer nicht aus, um seine EU- und Weltverflechtung auch nur annähernd darzustellen. Dazwischen liegt Finnland, dessen Kinder Angst vor Wölfen haben, deren Abschuss die EU verbietet, und Malta, das sich als Brücke zu Afrika den Rücken krumm biegt und trotzdem komplett ignoriert wird.
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Autoritär und hierarchiegläubig wie Familienaufstellungserfinder Bert Hellinger gibt sich auch Hensel alle Mühe, die Länder den Segen und die glückbringende Hierarchie innerhalb der EU zu lehren. So soll sich Litauen vor Russland auf den Boden werfen und Polen den Schwanz lutschen: Ruhm und Ehre den Mächtigen erweisen, den bescheidenen Platz im Reigen der Großen anerkennen und dann das Glück der Unterwerfung spüren. Bei eingefleischten Hellinger-Fans werden da wohl wohlige Erinnerungen wach, im jungpolitisierten Saal wird jedoch überwiegend gelacht. So soll es sein. Schließlich wollte Hensel etwas Lustiges machen, auch wenn solche Aufstellungen für sie "nicht nur esoterischer Mumpitz" sind. Ihre Tränen als EU-Verfassung, die erkennt, dass sie gar keine Verfassung ist, sondern nur ein weiterer Vertrag, der ein Schattendasein unter den vorangegangenen führt, sollen zum Lachen animieren. Dank der guten Schauspielerleistungen funktioniert das auch gut.
Ob aber auch die Böll-Stiftung zufrieden ist? Wenn die Besucherzahl der theatralen Europatherapie den Erfolgsgrad bei der Repolitisierung der Studentenschaft widerspiegelt, sollte die Stiftung es bei ihrer nächsten Tour vielleicht mit Bauschlossern oder Friseurinnungen probieren. Die anwesenden dreißig, vierzig Kommilitoninnen und Kommilitonen gehörten schätzungsweise zu neunzig Prozent sowieso schon den mitorganisiernden Lokalorganisationen an. Die gesamte Veranstaltung hatte dadurch eher den Charme des geselligen Abschlusses einer anstrengenden Betriebsversammlung.
Der Inszenierung kam dieser Hauch eines Insiderabends aber durchaus zugute. Diejenigen, die sich bei den vorangegangenen Vorträgen und Diskussionen über Politik und Europa ereifert hatten, freuten sich über die Gelegenheit, bei den gleichen Themen einfach mal albern losprusten zu können. Und den Übrigen ging es wie Leuten, die zufällig in eine Betriebsfeier hineingeraten. Man nimmt's wie's kommt und freut sich über die lockere Stimmung. – Eine weitere Aufführung am 28. April an der Universität Karlsruhe.
Autor: Jürgen Reuß
