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13. Februar 2010
"Das Komische ist das Schwerste"
BZ-INTERVIEW mit dem Schauspieler, Theatermitbegründer, Loriot-Wegbegleiter und Fußballfan Heinz Meier anlässlich seines 80. Geburtstags.
einz Meier könnte jetzt in Berlin sein. Auf der Berlinale wird am Sonntag Rainer Werner Fassbinders "Welt am Draht" gezeigt. Meier, der vor 37 Jahren dafür mit Klaus Löwitsch, Günter Lamprecht, Barbara Valentin und anderen vor der Kamera stand, war eingeladen. Aber da ist noch sein 80. Geburtstag, am Mittwoch. "Ich kann ja nicht auf allen Hochzeiten tanzen", sagt der Schauspieler, Loriot-Wegbegleiter und Mitbegründer des Freiburger Wallgraben-Theaters im Gespräch mit Alexander Dick und Heidi Ossenberg.
HBZ: Herr Meier, Sie stehen vor einem Jubiläum. Gibt es ein Thema, über das Sie nicht reden wollen?
Heinz Meier: Nein. Sie können Fragen stellen, und ich werde mich dann äußern oder auch nicht äußern.
BZ: Wenn man an Heinz Meier denkt, hat man bestimmte Vorstellungen – die Halbglatze, der Schnurrbart, der oft strenge Blick, und die Rollen, die man damit assoziiert. Ist das etwas, das Sie einengt, weil Sie glauben, die Leute reduzieren Sie auf das Äußere, auf eine gewisse Haltung?
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BZ: Woher kommt diese Affinität zum Heiteren?
Meier: Das weiß ich nicht. Vielleicht habe ich gedacht, das ist einfacher. Als Junge habe ich mir immer vorgestellt, am besten ist’s, wenn’s lustig ist – oder wahnsinnig. Einen Wahnsinnigen spielen, das war immer ein Traum, als ich noch nicht daran dachte, Schauspieler zu werden. Man hat erst im Alter erfahren, dass das Komische das Schwerste ist. Ich sage immer: Ich bin nie in die Rollen geschlüpft, ich habe die Rollen mir genommen. Dadurch bekommen sie einen authentischen Charakter. Man kann sich die Figur nicht anders vorstellen, als so. Wenn ich das so spiele, dann gibt es niemanden, der besser ist als ich. Habe ich den Eindruck. Und das vertrete ich auch.
BZ: Obwohl Sie in vielen Kino- und Fernsehfilmen mitgemacht haben, ist das Theater ja der rote Faden in Ihrem Leben. Und dem Sie – ich interpretiere jetzt mal – auch den Vorzug gegeben haben.
Meier: Immer!
BZ: Was ist anders im Theater?
Meier: Der direkte Kontakt. Ich kann bestimmen, wie der Abend verläuft. Im Film nicht. Da kommt die Klappe, Action. Auf dem Theater, und hier im Wallgraben ja sowieso: Das hier ist mein Haus! Ich reagiere auch auf Zuschauer. Wenn jemand rausgeht und dann: Jetzt kommt er ja wieder! Das mache ich.
BZ: Waren Sie immer schon so selbstbewusst – auch schon vor 57 Jahren, als Sie das Theater in der Wallstraße mitgegründet haben?
Meier: Nein! Wir waren Studenten, wir wollten spielen. Da setzte man uns einfach einen Regisseur vor die Nase. Da haben wir gesagt: Nein, nicht mit uns. Wir machen unser eigenes Theater. Wir waren dagegen, dagegen, dagegen, dagegen. Wir wollten unser eigenes Theater. Aber das war katastrophal, was wir machten. Wir spielten den selben Schmutz, den das Stadttheater auch spielte, nur konnten wir es nicht. Wir waren viel zu dusselig. Wir wurden erst gut, als Stücke kamen wie: "Warten auf Godot". Da war ein Mitarbeiter des damaligen Göttinger Intendanten, Heinz Hilpert, da. Der sagte: Jungs, seid Ihr gut. Das war wirklich toll.
BZ: Wenn wir schon bei den Anfängen sind: Sie haben ja etwas ganz anderes studiert, nämlich Literaturgeschichte und Geschichte.
Meier: Ich bin zur Uni nur gegangen, na ja Fleißbriefchen. Ich wollte über die Zeit kommen. Wir hatten weder Sitz noch Stimme. Wir konnten das Theater nur aufmachen, weil einer von uns Geld hatte, der Claus Günther. Wir spielten ja anonym die ganzen ersten Jahre. Wir fanden gar nicht statt. Jetzt gucken wir mal, bis das Studium zu Ende ist. Ich habe auch weiter studiert, weil das Geld brachte. Wir kriegten ja Unterstützung, als Flüchtling, kriegsversehrt, war ich ja alles. Wir haben "Die Hose" gespielt, schrecklich, schrecklich...
BZ: Aber das Publikum war doch die ganze Zeit auf Ihrer Seite, oder?
Meier: Weil es uns gab, etwas Anderes als das Stadttheater! Dann Ionesco, "Die Unterrichtsstunde". Als diese Sachen kamen, da kam auch unsere Stunde. Walter Jens schrieb damals für die Zeit, er sah mich in der "Unterrichtsstunde". Er sagte: "Das ist vielleicht jemand, der den Hamlet spielen könnte." Ich nahm das als Lob. Außerdem ist das nicht komisch!
BZ: Hätten Sie sich eigentlich auch etwas anderes vorstellen können, als Theater zu machen?
Meier: Theater... Ich wollte Journalist werden. Ich war damals bei Albert Maria Lehr, der die Stadthalle gebaut hat, als Hilfskraft. Und der sagte: Du schreibt aber a bissl. Und dann habe ich als Student lange Zeit für Zeitungen geschrieben. Bis ich zu meiner Mutter sagte: Du, ich studiere nicht in Heidelberg und mach’ den Doktor, sondern ich werde Schauspieler, ich übernehme sozusagen das Theater.
BZ: Heute beziehen sich in Spielplänen ja oft die Stücke aufeinander. Künstliche rote Fäden werden da gesponnen. Würden Sie auch solche Spielpläne machen?
Meier: Nein, das ist das, was ich immer am Stadttheater gehasst habe. Diese Bindungen – bei uns hat es anfangs auch keine Dramaturgen gegeben. Wir konnten uns selber finden. Es ist dann eine gewisse unterkühlte Sprache entstanden. Deswegen können wir auch besser gehobenen Boulevard spielen. Besser als die, behaupte ich, und dabei bleibe ich auch.
BZ: Wie muss Theatersprache denn sein?
Meier: Ich will verstehen, was gesprochen wird. Für bewusstes Vernuscheln bin ich überhaupt nicht.
BZ: Sie haben den gehobenen Boulevard angesprochen...
Meier: Ja, ich habe das sehr, sehr gerne gespielt Meistens die Stücke vom Broadway.
BZ: Sind die Amerikaner da besser?
Meier: Die Amerikaner sind besser. Am besten sind immer die – zufällig – aus dem jüdischen Milieu. Weil die einen ganz eigenartigen Witz haben, der Ablauf stimmt. Und ich schäme mich auch nicht zu sagen: Gut, wir spielen Thomas Bernhard, aber der Boulevard muss sein! Ich will den Leuten zeigen, dass Boulevard etwas sehr, sehr Gutes sein kann. "Besuch bei Mr. Green" etwa, oder "Cash"! Da ist Slapstick dabei und Sozialkritik! Ich mag das.
BZ: Wir haben erstaunlich lange über Komik gesprochen, ohne das Wort Loriot in den Mund zu nehmen. Ich habe vor kurzem einer Oberstufen-Schulklasse den Loriot-Sketch mit dem Klavier von der Mutter aus Massachusetts vorgespielt, in dem Sie als Möbelpacker ein Klavier für ein Heimvideo immer wieder von neuem anliefern müssen…
Meier: … "ein Klavier, ein Klavier"…
BZ: Genau. Das Erstaunliche für mich war: Die Jugendlichen fanden es eher langweilig, die Schnitte zu lang, die Pointen zu unverständlich. Ist Loriots Humor nicht für die Ewigkeit, wie ich immer dachte? Meier: Ich bin überrascht. Ich weiß es nicht, aber wenn Sie das sagen… Aber um auf Loriot jetzt endlich zu kommen (schmunzelt): Ich finde, es ist keine Schande, bei diesem Universalgenie mitgemacht zu haben – erfolgreich mitgemacht zu haben. Obwohl ich dadurch eingeengt war im Fernsehen. Aber ich habe Fernsehen immer nur als Verdienstmöglichkeit gesehen – einzige Ausnahme: Loriot.
BZ: Sie haben ja eine ganze Generation mit solchen Rollen beeindruckt. Es wird kolportiert, Loriot habe gesagt, er brauche jemanden für seine Sketche, der Ja und Nein sagen könne…
Meier: …und zwar überzeugend…
BZ: Und dann fand er sie. Eigentlich ist das doch ein Riesenkompliment, so zu spielen, wie jemand, der von der Straße kommt.
Meier: So ist es. Und er hat mich ja behalten, für alle Zeiten.
BZ: Verwächst man mit solchen Rollen? Liegt Ihnen eine besonders am Herzen?
Meier: Nicht unbedingt. Vielleicht der Lotto-Gewinner. Aber auch das "ein Klavier, ein Klavier": Ich fand mich hin-rei-ßend. Das kann man nicht besser machen… (schmunzelt)
BZ: Schauen Sie sich das im Fernsehen an, was heute als Humor dominiert – Stichwort Comedy?
Meier: Ja, ich hab’s versucht. (seufzt und ringt um Worte.) Schlimm. Aber da gibt’s auch Könner. Den Olli Dittrich zum Beispiel mit seinem Ditsche in der Kneipe. Das ist auch authentisch. Und perfekt. Wie Loriot. Was der alles gleichzeitig spielt in seiner Geburtstagssendung: sich selber, den Maskenbildner, den Aufnahmeleiter, den Regisseur. Da siehste mal die Bandbreite. Und der war nicht einen einzigen Tag auf der Schauspielschule.
BZ: Sind sie ähnlich perfektionistisch wie Loriot?
Meier: Also, Michael Ballhaus, der Kameramann: Mit ihm habe ich auch viel gearbeitet und der sagte immer: "Man kann das, was der Heinz macht, übereinander kopieren." Also wenn eine Einstellung mehrfach gedreht wurde. So präzise, sagt er, sei ich gewesen.
BZ: Haben Sie mal geliebäugelt mit dem Musiktheater als Regisseur? Operette zum Beispiel?
Meier: Ich? Ich wollte nie Regie machen. Nie, nie, nie. Ich habe unter guten Regisseuren gearbeitet. Ich weiß, was man können kann. Das traue ich mir nicht zu. Ich muss das nicht.
BZ: Eine Frage, die mich sehr beschäftigt: Sie sind in Ostpreußen aufgewachsen. Hat diese Gegend sie als Mensch geprägt, wenn man da etwa an die Charaktere in Siegfried Lenz’ "Masurischen Geschichten" denkt?
Meier: (mit ostpreußischem Akzent) So zärtlich war Suleyken… Doch, doch das find’ ich schon. Ich bin mit meinem Vater vom Feld nach Hause gefahren auf einem mit Stroh beladenen Leiterwagen. Und ich lag oben auf dem Wagen, und hab’ geträumt…(hält versonnen inne, um dann plötzlich aufzubrausen) Und dann hat mein Vater gesagt: "Träum’ nich’ – Romane (Karl May) lesen, ja, aber nicht wissen, wo rechts und links ist." Diese Weite, die Luft, die Kälte im Winter, die Hitze im Sommer – das ist unglaublich schön dort: das Haff, die Nehrung. Und manchmal ertapp’ ich mich dabei in Filmen: Ich höre, das klingt nach Ostprrreißen…
BZ: Es war mehr oder weniger Zufall, dass Sie hier in Baden gelandet sind...
Meier: Wir wollten nicht zu unseren armen Verwandten in den Pott. Es war ein Elend, die Familie war immer auf der Flucht. Und jetzt ist man hier und hat sich hochgedient und wieder was geschafft. (deklamierend) Und nun ist das auch bald zu Ende – aber immerhin hat man was gemacht! (alle lachen)
BZ: Zum Beispiel auch Sport. Verfolgen Sie den noch in Freiburg – Eishockey und Fußball?
Meier: Ich habe sogar gespielt, in der Philologenelf! Die Dauerkarte habe ich nicht mehr für den SC, das war mir zu anstrengend, weil ich ja auch nicht mehr in Freiburg wohne.
BZ: Was glauben Sie, wird der SC wieder absteigen?
Meier: Wenn die hinten nicht dicht machen, werden sie wieder absteigen.
ZUR PERSON: HEINZ MEIER
Der Schauspieler wurde am 17. Februar 1930 in Perwissau bei Königsburg geboren. Noch 1945 wurde er zum "Volkssturm" eingezogen und verwundet. Er kam über Kopenhagen nach Südbaden. In Müllheim ging er zur Schule, studierte zwischen 1950 und 1956 in Freiburg. 1953 gründete er mit Freunden das Wallgraben-Theater. Bundesweit bekannt wurde Meier durch Kino- und Fernsehfilme und seine Rollen in Loriot-Serien.
Autor: BZ
Autor: bz


