Das Spiel mit den Stilen

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mo, 25. September 2017

Rock & Pop

Adam Baldych und das Helge Lien Trio, China Moses, Suff Daddy & The Lunch Birds am finalen Wochenende des Jazzfestivals Freiburg.

Jazz? Der Begriff ist, wie jede Genrebezeichnung relativ – und lässt dadurch aber auch Freiheiten. Den Musikern, die aus dem Jazz das machen, was sie darunter verstehen. Aber auch den Konzertveranstaltern, wie das finale Wochenende des Freiburger Jazzfestivals mit den Auftritten von Adam Baldych und dem Helge Lien Trio, von China Moses und Suff Daddy & The Lunch Birds gezeigt hat.

ADAM BALDYCH & LIEN TRIO
Lange Zeit schien es schwierig, sich als Jazzgeiger von Schablonen zu lösen: Urvater Stéphane Grappelli oder die Fusion-Wilden um Jean-Luc Ponty und Zbigniev Seifert? Gar Anbiederung an den Klassikpop des Paganini-Pretenders David Garrett? Dem jungen Polen Adam Bałdych ist es gelungen, sich von jedweder Vorgabe freizuspielen, wie sein Teamwork mit dem norwegischen Helge Lien Trio am Samstag im Forum Merzhausen zeigte.

Ein obertonreiches Spiel ist dem 31-Jährigen zu eigen, er fängt die Töne ein wie flüchtige Luftgeister, hegt und pflegt sie mit kreisenden Bewegungen, gestaltet Themen mit neckischen Pizzicati, und selbst die schöpft er aus einem tiefen Atem. Mit feinziselierten Ornamenten, Anklängen an Spielmann-Bordune arbeitet er, seine Melodieführungen können voll hymnischer Ruhe sein. Das alles erinnert oft mehr an das Spiel eines Fiddlers aus der Folktradition denn aus dem Jazz.

Die drei Norweger tragen ihn in einem organischen Miteinander: sei es durch die improvisatorische Piano-Lyrik Liens, den kontrapunktisch aus sich herauswachsenden Bass von Frode Berg oder Per Oddvar Johansens Drums, die oft behutsam mit Fingern und Besen bearbeitet werden. Bałdych nimmt sich Zeit für das Hinstreben auf Virtuosität, und dadurch gewinnt diese einen noch größeren Effekt: Als er mit dem Trio wirklich zum Ungestüm ansetzt, beginnt er als tremolierender Teufelsgeiger zu glühen, rast mit wehendem Bogenhaar die Arpeggien rauf und runter, doch all das ohne die oft gesehene Angeber- oder Dandy-Pose. Kein Zweifel: Schon jetzt ist Bałdych einer der großen Erzähler auf der Violine und ein glänzender Vermittler zwischen Jazz und europäischem Volkston. CHINA MOSES
Von ihrer berühmten Mutter Dee Dee Bridgewater hat sie ihr Handwerk gelernt. China Moses überzeugt ebenso durch eine große Stimme wie durch unnachahmliche Bühnenpräsenz. Gospel, Soul und Blues sind beiden in die Wiege gelegt worden. Zum Jazzfestival hatte China Moses die "Nightintales" ins E-Werk mitgebracht. Das aktuelle, ausschließlich aus Eigenkompositionen bestehende Album handelt von Liebe und Leidenschaft, erzählt Geschichten aus dem Leben. Wie zum Beispiel "Hang Over", das amüsant die Trunkenheit der Liebe schildert. Für diese Songs hat die Sängerin, die immer wieder das Publikum einbeziehen zu müssen meint, eine eigene kompositorische Sprache gefunden, die, expressiv angelegt, gelegentlich ins Mimische kippt. Freilich unterliegt sie keinem gängigen Songwriting-Klischee, sondern liefert einen Mix, dessen Bandbreite vom groovenden Rhythm’n’Blues, Soul bis Blues und Jazz reicht.

Die aufregende, raue, tiefschwarze Stimme findet ihren Widerhall in den vier Begleitmusikern. Pianist Ashley Henry, der zwischen Swing, Soul und Bop pendelt, ist mit seinen Soli ebenso präsent wie Saxophonist Luigi Grasso, dessen vokale Qualitäten auf dem Bariton prima Chinas Stimme entsprechen. Bassist Luke Winter bietet auf dem ausschließlich elektrischen Instrument solide Grundlagen, Schlagzeuger Marijus Aleksa lässt auch mal die Basstrommel tanzen. Insgesamt ein höchst erfrischender Abend mit einer glänzend aufgelegten Vollblutsängerin und Entertainerin mit Hingabe und Leidenschaft.

SUFF DADDY & LUNCH BIRDS
Soulige Ohrwurmmelodien schweben auf gemütlichen Shuffle-Grooves. Dezente Bassgitarren-Licks treiben die Songs voranm als David Bormann alias Suff Daddy und seine Band The Lunch Birds die kleine Bühne im Foyer des E-Werks am Samstag betreten. Bass, Schlagzeug, Keyboards und Bormann selbst an Sampler und Synthesizer – Mit einer schlanken Besetzung stellt das Quartett sein aktuelles Album vor, das im Juni 2016 auf Jakarta Records erschienen ist. Das in Berlin ansässige India-Label vertritt unter anderem Reggie Matthews (Ta-Ku), Louis Kevin Celestin (Kaytranada) und Akua Naru. Künstler, die in ihrer Musik die Grenzen zwischen Soul, Jazz und HipHop verschmelzen. Die mehr als 200 Gäste wippen rhythmisch mit dem Oberkörper.

Suff Daddy und The Lunch Birds haben ihr Album dem Gesang der Vögel gewidmet. Es heißt "Birdsong". Albumtitel und Bandname mag man als Anspielung auf den Altsaxophonisten und Komponisten Charlie Parker (1920-1955) verstehen, der die Spitznamen "Yardbird" beziehungsweise "Bird" trug. Parker, einer der Mitbegründer des Bebop, war für ein temporeiches Spiel und komplexe, rhythmische Akzente bekannt.

Anders jedoch Suff Daddy und Band. Die Songs des Albums haben alle einen schwebenden, fast schon entrückten Charakter. Die Keyboardstimme trägt die Melodie und wird von Bass und Synthesizer umspielt und variiert. Trotzdem wirkt alles weitgehend arrangiert. Raum für improvisierte Instrumentalsoli bleibt nicht. Dennoch ein interessanter Kontrapunkt im Festivalprogramm.