Berliner Museumsinsel

David Chipperfields James-Simon-Galerie ist eröffnet

Falk Jaeger

Von Falk Jaeger

Do, 13. Dezember 2018 um 19:22 Uhr

Kunst

Die breite Freitreppe, die Kolonnaden, die Erhabenheit spielen auf die Akropolis an: Die James-Simon-Galerie der Berliner Museumsinsel ist eröffnet. Ein Rundgang.

Aus dem Berlin Baubetrieb gibt es durchaus auch Erfreuliches zu berichten. Die Museumsinsel mit ihren Sammlungen von Weltrang, seit der Wiedervereinigung neben dem Regierungsviertel das bedeutendste Bauvorhaben der Hauptstadt, kommt voran. Die ehrwürdigen Museumsbauten waren bau- und museumstechnisch aus der Zeit gefallen. So galt und gilt es, sie mit großem Aufwand zu restaurieren oder wieder aufzubauen. Doch nun ist auch der erste Neubau auf der Insel bereit zur Schlüsselübergabe.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schrieb 1993 einen Wettbewerb zur Neuordnung der Museumsinsel aus, in dem es um die Regelung der Zugänglichkeiten und um ein zentrales Eingangsbauwerk zur Bewältigung der stetig anwachsenden Besucherströme mit leistungsfähigem Besucherservice ging. Der spröde Siegerentwurf des italienischen Rationalisten Giorgio Grassi führte damals zu heftigen Auseinandersetzungen, da die Museen als Nutzer den viertplatzierten Entwurf von Frank O. Gehry favorisierten. Doch Gehrys skurrile Sandförmchenarchitektur, die mit den klassizistischen Nachbarbauten von Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler nichts anzufangen wusste, fand kein Gefallen. Der Streit endete nach einem zweiten Gutachterverfahren, das der Brite David Chipperfield gewann. Und er ist es, der nach dem grandiosen Wiederaufbau des Neuen Museums (mit dem Glanzstück Nofretete) nun die James-Simon-Galerie realisieren konnte. Das neue Empfangsbauwerk mit Kassen, Garderoben, Shop, Café und Hörsaal ist nach einem kaiserzeitlichen Unternehmer und Kunstmäzen benannt.

Es kommt nicht von ungefähr, dass man beim Anblick des vor dem Pergamonmuseum am Kupfergraben aufragenden Gebäudes an die Akropolis und deren Eingangssituation an den Propyläen denkt. Die breite Freitreppe, die Kolonnaden, die Erhabenheit, die steinerne Anmutung des Betons verweisen auf die Antike – in abstrahierter Form natürlich, denn David Chipperfield und sein maßgeblich beteiligter Designdirektor Alexander Schwarz sind nicht als Historisten bekannt. Der hohe, bis auf zwei Panoramafenster geschlossene Ufersockel geht in jenen des Pergamonmuseums über, auf der anderen Seite schließt sich das Pfeilerstakkato an die klassizistischen Stüler’schen Kolonnaden an, die das Neue Museum und die Alte Nationalgalerie umrunden.

Wer also heute die Museen besuchen möchte, kann dies direkt an deren Eingängen tun, er kann aber auch die breite, einladende Freitreppe der James-Simon-Galerie hinanschreiten. Er findet sich in einem großzügigen Foyer mit Rundumsicht wieder, geht zum Kassentresen und auf gleicher Ebene weiter zum Pergamonmuseum. Zur Linken lockt ein Café mit großartigem Ausblick am Kupfergraben mit Freisitz unter der Kolonnade. Treppab sind die Garderoben. Ein Auditorium mit 300 Plätzen auf filzgepolsterten Bänken ist heute im Museumswesen ebenso unverzichtbar wie der geräumige Museumsshop, der mit jenen des Louvre und des National Museum konkurrieren zu wollen scheint. Auf Ebene 0, nun schon unter Spreewasserspiegelniveau, steht ein immerhin 750 Quadratmeter großer Saal für Wechselausstellungen zur Verfügung. Hier im Untergeschoss beginnt auch die viel diskutierte "Archäologische Promenade", die vier Museen unterirdisch verbindet.

Das Äußere des Gebäudes korrespondiert farblich mit den Naturstein- und Putzbauten der Museumsinsel durch seine Materialität. Dem Beton mit 70 Prozent Weißzement sind als Zuschlag Dolomit aus dem Erzgebirge und gelbliche Sande beigegeben. Im Inneren, wo kaltgrauer, glatt geschalter Sichtbeton allgegenwärtig ist, hätte man sich hingegen etwas mehr Holzoberflächen gewünscht.

Chipperfield und Schwarz fühlten sich nicht berufen, der Museumsinsel eine demonstrativ zeitgenössische, gleißende Stahl-Glas-Architektur hinzuzufügen, sondern blieben im Kanon und führten das Schrittmaß von Schinkel zu Stühler, zu Ernst-Eberhard von Ihne (Bode-Museum) und zu Alfred Messel (Pergamonmuseum) weiter und vermieden einen überweiten Sprung ins 21. Jahrhundert. Gehrys Versuch, mit seinen heterogenen Baukörpern "die anderen Gebäude zu Objekten kritischer Betrachtung" zu machen (wie es der Architekt Philipp Meuser formulierte) – wozu auch immer das gut sein sollte –, er ist den Berlinern erspart geblieben. Die Schelte aus manchen Kollegenkreisen wird Chipperfield, der in wenigen Tagen seinen 65. Geburtstag feiern darf, aushalten.