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21. Juli 2017

Demokratie oder Diktatur?

In Freiburg probt gerade das Aktionstheater Panoptikum für das Projekt "Crossing Lines".

  1. Junge Darstellerinnen und Darsteller aus verschiedenen europäischen Ländern Foto: Jennifer Rohrbacher

Die Sonne brennt über dem ehemaligen Güterbahngelände in Freiburg, hinter der imposanten Lokhalle spendet eine Sitzgruppe mit Palettenmöbeln ein wenig Schatten. Hier studiert die Regisseurin Sigrun Fritsch vom Aktionstheater Panoptikum gerade ihre Notizen zu Übergängen und Durchläufen, den Strohhut hat sie tief ins Gesicht gezogen. Noch ist Ruhe vor dem Sturm: Das Ensemble wird erst in einer Stunde eintreffen, Zeit für die Tagesplanung.

Die Proben für das Projekt "Crossing Lines" laufen auf Hochtouren, nächstes Wochenende ist Premiere auf dem Stühlinger Kirchplatz. Seit Mitte Juni entwickeln 28 Darsteller aus acht europäischen Partnerstädten eine Open-Air-Inszenierung mit viel Tanz, Rap und Schauspiel. Seit Anfang Juli sind auch 18 junge Freiburger dabei. Ein kreativer Austausch über Grenzen und Kulturen hinweg – so das Konzept des großen Kooperationsprojektes "Power of Diversity", das Teil des Creative Europe Programms der Europäischen Union ist. Nach der Freiburg-Uraufführung wird das Ensemble wieder auf Tournee in die Partnerstädte gehen und dort zusammen mit einer lokalen Crew die Platzinszenierung weiter entwickeln. Letzter Aufführungsort ist Las Palmas de Gran Canaria im Sommer 2018.

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Das Bühnenbild steht auf dem benachbarten Brach-Grundstück, immer wieder brettert die Güterbahn vorbei: Es ist eine gigantische Galerie mit zwei Ebenen und jeder Menge Drehtüren, sieben Meter hoch, sechs Meter tief und 18 Meter breit. "Es wird Projektionen geben und wir bespielen beide Seiten der Bühne: Die Zuschauer entscheiden, welche Geschichte sie sehen wollen", erzählt Fritsch. Es beginnt mit acht mobilen, halbtransparenten Objekten aus Plexiglas, in denen die Darsteller auf den Platz rollen. Inspiriert von Peter Handkes Sprechstück "Selbstbezichtigung" und der griechischen Tragödie "Orestie" zeigt die Inszenierung die Menschheit nach der Katastrophe, mit der Möglichkeit neu anzufangen: Werden sie Grenzen ziehen oder Türen öffnen? Diktatur oder Demokratie wählen? Krieg führen oder um Frieden und Solidarität ringen? Ein sehr politisches Setting, für das konkrete und archaische Bilder gefunden wurden.

Feuerwerk wie so oft gibt es bei dieser Panoptikum-Produktion nicht, dafür tüftelt der Techniker gerade an der finalen Wassershow: Ein dichter Regenvorhang taucht die Szene in surreales Licht, während das junge Choreografen-Team in Badehosen Ideen für die anschließende Ensembleprobe sammelt, aus dem Tablet klingt dazu Szenenmusik von Edward Elgars Cellokonzert. Die Bühne ist nass – so werden Tanzschritte zur gefährlichen Rutschpartie. Wie das Ganze dann in den dunkelrot-senfgelben Gewändern von Kostümbildnerin Lilly Bosse funktioniert, wird spannend. Die Arbeitsprinzipien stehen jetzt, weiterentwickelt werden die Choreografien dann in der Gruppe. Die trudelt gutgelaunt auf einer ganzen Flotte gespendeter und geliehener Fahrräder ein...

Noch lümmeln sie plaudernd auf alten Sofas und Bierbänken in der Lokhalle herum, dann lädt Sigrun Fritsch zum Plenum. Nach einer kurzen "Wie geht es mir"-Runde folgt ein gemeinsames Aufwärmen mit Atem- und Stimmübungen, bevor es in die Arbeitsgruppen und hinaus in die Gluthitze auf die Bühne geht. Ganz locker schlagen sie Räder, machen Handstände und artistische Breakdance-Figuren. Kommuniziert wird auf Englisch, stellenweise sehr holprig. Aber das macht nichts: Sichtbar zusammengewachsen ist diese internationale Truppe und hat dabei eine gemeinsame, künstlerische Sprache gefunden.

Crossing Lines: 28. und 29. Juli, jeweils um 22 Uhr, Stühlinger Kirchplatz, Freiburg. Eintritt frei.

Autor: Marion Klötzer