Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Juli 2011 00:01 Uhr

Katholizismus und Moderne

Denkprobleme bei Ratzinger

Bei Kirchens ist Dampf um die Altäre. Und zwar nicht unbedingt immer Weihrauch. Diesen Eindruck bekam man bei einer hochkarätig besetzten moderierten Podiumsdiskussion in der prall gefüllten Aula der Universität Freiburg.

  1. Katholizismus und Moderne – Diskussionsthema an der Uni Freiburg. Foto: dpa

Im Rahmen der Freiburger Religionsgespräche – "Religion ist ein Thema", hatte Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer in seinem Grußwort unterstrichen – ging es um "Katholizismus und Moderne".

Rasch zeigte sich, dass bereits die Terminologie Zündstoff in sich birgt. So wurde der Begriff Katholizismus, dem Schiewer "kulturelle Prägekräfte" bescheinigt hatte, mit spitzen Fingern angefasst. "Den Katholizismus als Einheitsbegriff gibt es nicht", lautete die These des Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet. Es gebe nur Katholizismen. Worauf Soziologe Hans Joas salomonisch riet, von "katholischem Christentum" zu reden.

Auch die Moderne und ihre Konnotationen erwiesen sich an diesem Abend als kompliziertes Terrain. Wie ist die Moderne gemeint: philosophisch, politisch oder chronologisch? Für Striet ist sie jedenfalls kein historischer Epochenbegriff, da diskreditiert. Eine Phase der Lebenswirklichkeit, die durch metaphysische Sehnsucht und metaphysische Obdachlosigkeit gekennzeichnet ist. Katholizismus und Moderne: Sind das nicht zwei Prinzipien, die sich zueinander wie Feuer und Wasser verhalten? Man erinnere sich etwa an den 1910 von Pius X. den Klerikern oktroyierten Antimodernisteneid. Die lebendige Debatte riss (erwartungsgemäß) manches an, ohne es völlig zu klären.

Werbung


Erheblich an Fahrt gewann die von der FAZ-Redakteurin Heike Schmoll souverän moderierte Runde beim Konkreten und Aktuellen. Sinn der Übung war ja nicht zuletzt der bevorstehende Freiburg-Besuch des Petrus-Nachfolgers aus Rom. Doch der hieß bei diesem – wohlgemerkt von der Theologischen Fakultät organisierten – Symposion weniger Papst (geschweige denn adorativ Heiliger Vater), sondern bisweilen prosaisch Ratzinger. Joas konstatierte sogar "Denkprobleme bei Ratzinger". Und Striet wandte sich gegen dessen Theorie einer Diktatur des Relativismus. Letzterer als verzerrendes Wort für einen neuen Wertekatalog. "Ich kenne keine Relativisten", kommentierte Striet bodenständig das päpstliche Gedankenkonstrukt.

Hatte man die unselige Geschichte mit den Piusbrüdern hier noch als vatikanischen Betriebsunfall verbucht, so berührte der kirchliche Umgang mit sexuellem Missbrauch weit mehr. Für den ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde ist das Vertuschen dieser Vorfälle ein Handeln aus, wie er es nennt, "Kirchenraison".

Die Kirche muss viel diskursiver werden

Aus Joas’ Sicht versteht sich Kirche dabei aber quasi als Staat: "Das ist eine Falle für die Kirche." Für den Freiburger Dogmatiker und Liturgiewissenschaftler Helmut Hoping stellt der Missbrauchsskandal die "Frage nach der Zukunft des priesterlichen Amts". Ohne Aufarbeitung der Missbrauchsfälle kann sich, laut Hoping, der Zölibat nicht halten. Auf die Frage der Moderatorin, was es heiße, das Priestertum von innen zu erneuern, fand Striet deutliche Worte: Auch die katholische Kirche sei ein weltlich Ding. Und: "Es gibt auch eine sündige Kirche." Die Voraussetzung, damit Kirche in der Gegenwart ankomme: "Man muss viel diskursiver werden" – ein bemerkenswerter Satz, zumal bei einer Veranstaltung, in der das Publikum kein Rederecht erhielt.

Wie überhaupt kann die Kirche den heutigen Menschen noch erreichen? Für Böckenförde durch Vermittlung der Offenbarung: "Die Kirche schlägt vor, sie zwingt nicht." Joas hält Katholizismus und Moderne nichtsdestotrotz für vereinbar. Er erlebe den jetzigen Papst wie die Vorgänger von Gorbatschow. Die zentrale Frage sei: "Was kommt danach?" Das weiß nur der Himmel.

Autor: Johannes Adam