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23. Februar 2011

Gesellschaft

Der Doktortitel schmückt

Der Wissenschaftsbetrieb hat bei der Causa Karl-Theodor zu Guttenberg schmählich versagt.

  1. Keine Kopfbedeckung für Plagiierer: der akademische Doktorhut Foto: dpa

Dass Karl-Theodor zu Guttenberg einen erheblichen Teil seiner Doktorarbeit nicht selbst durchdacht und in eigenen Worten formuliert hat, steht inzwischen selbst für den vor ein paar Tagen noch unwissenden und unschuldigen Verteidigungsminister fest. Am Ende mag es nicht entscheidend sein, wie viele Stellen der – 476 Seiten und 1300 Fußnoten zählenden – Studie "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen im dem USA und der EU" (Berlin 2009) die Jäger der Plattform "GuttenPlag Wiki" als Plagiat enttarnt haben werden: Bis gestern Abend waren 286 Seiten (= 72 Prozent) "kontaminiert". Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Wie konnte es geschehen, dass eine aus den verschiedensten Quellen (bis zum Kanu-Reiseführer) zusammengestoppelte Arbeit an einer bekannten rechtswissenschaftlichen Fakultät wie derjenigen der Universität Bayreuth unter Betreuung des renommierten Staatsrechtlers Peter Häberle nicht nur angenommen, sondern mit dem höchsten Prädikat "Summa cum Laude" ausgezeichnet wurde? Wieso hat der etablierte Wissenschaftsbetrieb so katastrophal versagt und musste sich von den Plagiatsfahndern im Netz so blamabel vorführen lassen?

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Wer nicht nur darüber spekulieren will, ob der hochadelige Name und die schon fortgeschrittene politische Karriere des Probanden seinen Doktorvater und dessen Kollegen grell geblendet haben könnten, muss grundsätzliche Fragen an den Zustand der deutschen Universitäten und deren Praxis der Titelvergabe stellen. Ein akademischer Titel ist im Wesen die Qualifikation für eine wissenschaftliche Karriere. Mit der Promotion stellt ihr Verfasser unter Beweis, dass er eine Fragestellung der Forschung nicht nur eigenständig bearbeiten, sondern auch vorantreiben kann. Im Idealfall ist das Schreiben einer Dissertation von einem – in heutiger Zeit nur noch als idealistisch zu bezeichnendem – Erkenntnisinteresse geleitet, das eine These in mühevoller (wenn auch nicht unbedingt siebenjähriger) Kleinarbeit zu verifizieren oder ein Forschungsfeld neu auszuloten versucht.

Man sieht schon daran, wie weit entfernt die Intentionen eines Karl-Theodor zu Guttenberg vom akademischen Comment sind, von seinen Regeln und Geboten – deren oberstes die wissenschaftliche Redlichkeit ist, auch aus Respekt vor der geistigen Leistung anderer. Dem kometenhaft aufgestiegenen Star der CSU, dem Hoffnungsträger konservativer deutscher Politik konnte es keineswegs angelegen sein, die Rechtswissenschaft voranzubringen. Ihm ging es zweifellos darum, seinen dreizehn Vornamen und seinem Adelsprädikat noch ein weiteres soziales Distinktionsmerkmal hinzuzufügen – ein wissenschaftsfernes Interesse, dem sich die Universität im Allgemeinen allzu gern beugt, was sich auch an der bereitwilligen Vergabe der Ehrendoktorwürde besonders an Politiker zeigt. Der Doktortitel "gilt" in Deutschland eben immer noch etwas: Weswegen nicht nur annähernd die Hälfte aller Kabinettsmitglieder sich mit ihm schmücken, sondern auch der Beruf, der ihn eigentlich am wenigsten nötig hat. Der gemeine Patient geht nun einmal lieber als zum Arzt zum Doktor.

Die Wissenschaft

könnte irreparabel

Schaden nehmen.

Das mag an der überkommenen preußisch-wilhelminischen Untertanenmentalität im Lande liegen, wenngleich ein Blick ins katholisch-habsburgische Nachbarland auf eine nach wie vor grassierende Titelsucht stößt. Jeder weiß, dass sich in Österreich leicht Titel kaufen lassen. Und auch beim Baron zu Guttenberg liegt der Verdacht nicht ganz fern, dass er über einen Ghostwriter zur akademischen Würde gekommen ist. Zumindest würde das seine Gedächtnisschwäche erklären, die in seinem ersten misslungenen Rechtfertigungsversuch als Entschuldigung für angebliche "Zitatfehler" herhalten musste – eine schönfärberische Umschreibung für wissentliche (?) Täuschung und Betrug.

Die Universität Bayreuth hat nun den Schwarzen Peter. Universitätspräsident Rüdiger Bormann hat in einer öffentlichen Stellungnahme gestern vor Eile gewarnt und eine umfassende Prüfung der Plagiatsvorwürfe angekündigt. Das hört sich nach einem Schadensbegrenzungsversuch an. Dass Guttenberg inzwischen angeboten hat, seinen Doktortitel für immer zurückzugeben, ist das Eingeständnis seines Betrugs. Doch entziehen kann ihm den akademischen Grad allein die Universität: Das gehört zu deren Würde, die Karl Theodor zu Guttenberg mit seinem Vorstoß erneut mit Füßen getreten hat. Die Institution kämpft nun um ihren Ruf. Die wissenschaftliche Fälscherei ist kein Versehen, sondern ein Vergehen, das ins Herz der Glaubwürdigkeit des Betriebs zielt. Unglaublich, dass der Prädikatsjurist und mit ihm die Kanzlerin den Schaden, den er nicht nur der Universität Bayreuth zugefügt hat, als Kavaliersdelikt vom Tisch wischen will.

Wenn es sein kann, dass ein mit Plagiaten gespicktes Patchwork die Schranken der Promotionsordnung locker passieren kann: Muss in Zukunft dann jeder Promovend eine eidesstattliche Versicherung ablegen, dass er seine Arbeit ohne fremde "Hilfe" verfasst hat? Muss man fürchten, dass der Fall Guttenberg kein Einzelfall ist? Drei Prozent aller Doktorarbeiten, wird geschätzt, müssen sich dem Plagiatsvorwurf stellen. Daraus lässt sich nicht eben schließen, dass der gesamte akademische Betrieb verlottert ist. In Zeiten des Internets ist das Abkupfern – neudeutsch: copy and paste – zwar wesentlich leichter geworden. Doch die Kontrolle auch: Wie "GuttenPlag Wiki" zeigt, schlägt das Netz bei Lug und Trug zuverlässig zurück. Das ist beruhigend – allerdings nicht für die Universität, die sich fragen lassen muss, ob sie nicht zu leichtfertig ihre Doktortitel vergibt.

Dass bei Herrn zu Guttenberg die Kontrollsysteme komplett ausgefallen sind, ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich redlich mit ihrem Promotionsthema schinden – und die Empörung der Gelehrten entsprechend groß. Satisfaktion ist gefordert. Wenn die Uni Bayreuth den Titel nicht aberkennt, so die Meinung, könnte die Wissenschaft in Deutschland einen irreparablen Schaden erleiden. Und wie sollte man dann noch seinen Kindern klarmachen, dass das Abschreiben aus Wikipedia ein Vergehen gegen das eigene Denkvermögen ist?

Autor: Bettina Schulte