Der empörte Tenor

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 02. Mai 2017

Klassik

Zum Tod von Endrik Wottrich.

Darüber, dass er in den Medien weniger mit seiner Tenorstimme als dem Drumherum im Theater Schlagzeilen machte, hatte er sich oft geärgert. Doch Endrik Wottrich verstand eben auch auszuteilen. Zum Beispiel beim Zerwürfnis mit dem Regisseur Christoph Schlingensief 2004 angesichts dessen "Parsifal"-Inszenierung in Bayreuth. Da flogen die Fetzen. Ein "multimedial-infantiler Mist – Schwachsinn" sei diese, posaunte Wottrich, Protagonist der Titelpartie, in der ungeliebten Presse hinaus. Während der 2010 verstorbene Regisseur konstatierte, Wottrich habe "einen Reinheitsbegriff von Deutschland, den ich nicht teilen kann". Wottrich verließ die Produktion.

Bayreuth war dennoch eine wichtige Station in der Karriere des gebürtigen Cellers, der in Würzburg bei Ingeborg Hallstein studiert hatte. Und das weniger, weil er kurze Zeit mit der heutigen Festspielleiterin Katharina Wagner liiert war. 1996 hatte ihn Wolfgang Wagner als Lehrbub David in seine letzte "Meistersinger"-Inszenierung geholt. Der Wechsel vom lyrischen Fach zum Heldentenor hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Sein Siegmund in Wagners "Walküre" 2009 wurde ausgebuht – Wottreich witterte darin eine Verschwörung. Gleichwohl reüssierte er an den wichtigen Opernhäusern von Mailand bis Wien. Sein überraschender Tod an Herzversagen erschüttert. Als sei der 52-Jährige Opfer eines Opernbetriebs geworden, dessen Gnadenlosigkeit und Abdriften ins Glamouröse er nicht müde wurde, öffentlich anzuprangern.