Der Freud der Malerei

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 01. September 2018

Ausstellungen

Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt den französischen Skandalkünstler Balthus.

Balthus? Ist das nicht dieser französische Maler, der elf- oder zwölfjährigen Mädchen unter den Rock schaute und – Deckmäntelchen seiner Frivolität – ihre blütenweiße Unterwäsche als Sinnbild sittlicher Reinheit ins Bild brachte? Und deshalb auch gleich die Frage: Darf die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel das? Darf sie diesen Künstler ausstellen? Ist das nicht fragwürdig, ja, in sittlich-moralischer Hinsicht verwerflich?

Es ist, in der gegenwärtigen aufgeheizten Stimmung, vor allem gewagt. Als 2016 die Entscheidung für die jetzige Ausstellung fiel, dürfte den Ausstellungsmachern noch die Rezension der Neuen Zürcher Zeitung zu der großen Balthus-Retrospektive in New York vor fünf Jahren in den Ohren geklungen haben. Schon damals hieß es, die Schau mache den Betrachter zum "Komplizen des voyeuristischen Blicks" des Künstlers. Seitdem ist einiges geschehen – der Weinstein-Skandal in den USA und die daraus erwachsene MeToo-Debatte zum Beispiel.

Im Geiste des Hashtags forderten Ende letzten Jahres in einer Online-Petition mehr als 11 000 Unterzeichner, dass im Metropolitan Museum of Art in New York – dem Ort der Retrospektive von 2014 – Balthus’ Gemälde "Thérèse, träumend" abgehängt werde: wegen "Voyeurismus und Sexualisierung von Kindern". Ende Januar wurde in der Manchester Art Gallery dann tatsächlich ein Bild des viktorianischen Malers John William Waterhouse mit barbusigen Nymphen aus der Schausammlung entfernt.

Die Liste ließe sich erweitern – und alle Beispiele belegen, dass die Kunst in die Defensive geraten könnte, ja dass ihre Freiheit als demokratisches Grundrecht in Gefahr ist: durch den Auftritt selbsternannter Kunstrichter und Sittenwächter, die ihre persönlichen moralischen Maßstäbe zu denen der Allgemeinheit machen möchten. Doch Bildersturm und Bücherverbrennung waren noch nie adäquate Mittel kultureller Auseinandersetzung. In den gegenwärtigen Rufen nach Bilderverboten jedenfalls schwingen vernehmlich engstirniges Moralin und eine geradezu viktorianische Prüderie mit. Soll demnächst Nabokovs "Lolita" auf den Index gesetzt werden?

Dass die Fondation Beyeler sich von diesem Reizklima nicht beirren ließ und die Ausstellung, die an diesem Sonntag eröffnet wird, ohne Abstriche und Zugeständnisse an den Zeitgeist wie geplant realisierte, verdient Respekt. Als "großen Meister der Kunst des 20. Jahrhunderts" kündet sie den 2001 hochbetagt verstorbenen Maler zu Recht an. Der glänzende Bilderreigen von 40 Gemälden, großzügig auf sieben Säle verteilt, schließt auch das doch nur vermeintliche Skandalbild "Thérèse, träumend" ein. Von Anfang an, schon vor der New Yorker Petition, hatte es auf der Wunschliste des Kuratorenduos Raphaël Bouvier und Michiko Kono gestanden.

Balthus’ Kunst ist so

voyeuristisch, wie es

die Kunst von Haus aus ist

Um es deutlich zu sagen: Ja, das Bild ist voyeuristisch, aber nicht in einem fragwürdigen Sinn. Es ist vielmehr so voyeuristisch, wie es die Kunst von Haus aus ist, deren Feld das Sichtbare als visuelle Gestalt unsichtbarer innerer Welten ist. Ein junges Mädchen, das vor sich hindöst, sinniert, träumt: Das Gemälde fängt Kindlichkeit an der Schwelle zu erwachender Sexualität ein – ein hoch bedeutsames, jeden Menschen angehendes aufregendes Sujet. Das Gemälde gestaltet es so moralisch untadelig wie nur möglich. Dass dem Mädchen der Rock übers Knie gerutscht ist und den Blick auf die Leibwäsche freigibt, soll ja nicht erotisches Stimulans für den Betrachter sein. Es signalisiert vielmehr größtmögliche Unmittelbarkeit und Intimität. Es erzeugt im Bild genau die Gelöstheit, die Balthus für die träumerische Stimmung benötigt. Schon in seiner ersten Ausstellung 1934 schieden sich die Geister. Balthus erntete gleichermaßen Begeisterung und Empörung; gleichgültig blieb niemand. Als "Freud der Malerei" wurde er tituliert. Kühl hatte er die Schau als Skandalveranstaltung geplant, so wie er auch später dem moralisch leicht erregbaren Affen hin und wieder Zucker gab. Die Ausstellung bescherte ihm Bekanntheit – und eine Schar von Auftraggebern. Als Maler ging Balthus einen ganz eigenen Weg fern der "Ismen" der Moderne. Bezüge zur Kunst seiner Zeit wie dem Surrealismus sind eher äußerlich und peripher. Die auffällige Bewegtheit der Motive im Frühwerk beruhigt sich im reifen Werk in mitunter wie tief gefroren anmutenden Szenerien. Wie still gestellt und eingefroren erscheint noch die bewegte Straßenszene des frühen Meisterwerks "La Rue".

Als Gegenwelten zum Krieg, aus dem er nach kurzer Zeit traumatisiert zurückkehrte, entstehen ländliche Idyllen und Landschaften, auf denen gleichwohl die Düsternis der Zeit als dunkler Schatten liegt wie in der "Landschaft von Champrovent". Erst in den Pastelltönen des Spätwerks hellt sich die dunkeltonige, erdfarbene Melancholie seiner Bilder auf.

Bis zuletzt bilden Begehren, Sexualität, Erotik das heimliche Zentrum seiner Kunst; wobei der Betrachter ins Spiel des Verlangens emotional eingebunden wird. In "Die schönen Tage" liegt eine junge Frau in lasziver Stellung auf einem Kanapee. Selbstverliebt schaut sie in einen Spiegel, der in der Perspektive phallische Anmutung gewinnt. Während ein Mann mit nacktem Oberkörper am Kamin buchstäblich das Feuer der Leidenschaft schürt. Es ist – exemplarisch für das Gesamtwerk – eine Szene wie im Traum: rätselhaft, tief menschlich, unauslotbar.

Fondation Beyeler, Baselstr. 77, Riehen. 2. September bis 1. Januar, täglich 10–18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.