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24. Dezember 2009

Der Karrierist und der Loser

Yu Huas großer chinesischer Zeitroman "Brüder"

  1. Yu Hua Foto: dpa

Wer die 765 Seiten dieses Romans liest, der die Geschichte zweier Stiefbrüder auf dem Hintergrund der Kulturrevolution und des boomenden Chinas erzählt, muss sich wappnen. Der Autor mutet den Lesern ein Wechselbad dissonanter Reaktionen zu. Er verbindet umwerfende Komik mit einer Grausamkeit, die nicht nur die Tragödie des Romans zu einem bösen Ende treibt, sondern kein teilnehmendes Gefühl verschont. Freilich bietet er auch ein Lesevergnügen ganz eigener Art.

Der 1960 in Hangzhou geborene Yu Hua ist einer der erfolgreichsten Autoren der chinesischen Gegenwartsliteratur. "Brüder" ist sein fünfter Roman; "Leben" (1991) und "Der Mann, der sein Blut verkaufte" (1995) wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Fünf Jahre lang ist er als "Barfuß-Zahnarzt" über Land gezogen, bevor er Schriftsteller wurde. Er weiß, wovon er spricht, wenn er in "Brüder" einen "Zahnreißer Yu" satirisch porträtiert. Aber er ist auch in der großen Tradition der chinesischen Romanliteratur mit ihren klassischen Exempeln vom "Traum der roten Kammer" bis zum "Weg zu den weißen Wolken" zu Hause. Seine von Ulrich Kautz nuancenreich übersetzte Sprache ist prägnant und anschaulich, um das drastischste Wort nie verlegen.

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Im Vordergrund des 2005 und 2006 in zwei Teilen in der Erstausgabe erschienenen Romans steht die Geschichte des vor Vitalität, Potenz, Findigkeit und wirtschaftlichem Erfolg strotzenden "Glatzkopf-Li" und seines ein Jahr älteren, einen Kopf größeren, menschlich aufrechten, aber lebensunfähigen Stiefbruders Song Gang, der charakterstark bis zum Starrsinn ist. Sie sind aus den ersten Ehen ihrer Eltern hervorgegangen, in deren zweiter sie emotional enger zusammenwachsen, als es die bloße Blutsbrüderschaft bewirken könnte. Auf die Brudertragödien der Weltliteratur deutet vorerst kaum etwas hin. Als der Vater von Song Gang während der Kulturrevolution wegen eines kleinen Grundstücksbesitzes brutal ermordet wird und die untröstliche Mutter von Glatzkopf-Li an einer Harnvergiftung stirbt, werden die Stiefbrüder füreinander das Einzige, was sie noch haben.

Aber dann führen die Wege auseinander. Glatzkopf-Li bringt es zum "Super-Multimillionär", Besitzer eines Firmen-Imperiums und eines Parks europäischer Nobelkarossen. Sein Aufstieg vom Leiter einer Behindertenwerkstätte über einen Altwarenhandel zum Immobilienmogul ist unaufhaltsam. Auch seine sexuelle Konstitution ist eindrucksvoll. Schon bei dem Achtjährigen erwacht der Geschlechtstrieb so mächtig, dass er sich an Elektromasten reibt und als Ersatz für die begehrten Frauen öffentliche Bänke beschläft. Der Vierzehnjährige bringt als Voyeur in einer öffentlichen Toilette den "Frauenärschen" seine Obsession entgegen. Und später lässt er als chinesischer Don Juan keine verführbare oder käufliche Frau unbestiegen.

Nur in seiner einzigen Liebe hat er keinen Erfolg: Die schöne Lin Hong ist seinem Stiefbruder zugetan. Dessen Loyalität dem Jüngeren gegenüber ist so groß, dass er alles tut, um auch in der Liebe keinen Erfolg zu haben. Dann aber finden Lin Hong und Song Gang zusammen. Sie heiraten. Glatzkopf-Li lässt sich in der Verzweiflung über seinen Misserfolg sterilisieren. Song Gang wird dafür wirtschaftlich ein Loser. Unfähig, sich von seinem Bruder unterstützen zu lassen, bricht er mit einem Quacksalber zu einer mehrjährigen Tournee auf, mit deren Ertrag er aus der Ferne für Lin Hong sorgen will. Doch dabei bricht seine unbeugsame Festigkeit zusammen. Bei einem "Nationalen Schönheitswettbewerb für Jungfrauen" lässt er sich zum Vertrieb künstlicher Jungfernhäutchen überreden. Später kommen Placebos für Penisvergrößerungen dazu. Der Tiefstpunkt wird mit dem Verkauf von "Busenwunder-Cremes" erreicht, für den Song Gang sich zur Demonstration Brüste anoperieren lässt. Es kommt, wie es kommen muss: Während seiner Abwesenheit ist Lin Hong, erst widerwillig, dann immer leidenschaftlicher, die Geliebte von Glatzkopf-Li geworden. Als Song Gang heimkehrt, findet er die Liebesheimat leer. Er endet als Selbstmörder unter einem Zug. Lin Hong wird zynische Besitzerin eines Bordells. Glatzkopf-Li plant eine Kosmonautenreise. Er will die Asche seines Bruders auf eine extraterrestrische Umlaufbahn bringen …

Der Handlungsort der monströsen Geschichte ist "unsere kleine Stadt Liuzhen". Entfaltet wird aus kleinstädtischer Perspektive der große Zeitroman. Die Exzesse der Kulturrevolution beherrschen auch hier zunächst die Szene, gipfelnd in der Ermordung des Vaters von Song Gang und der Selbsttötung eines Gefolterten, der sich dem Terror der roten Garden entzieht, indem er sich einen Nagel ins Gehirn schlägt. Der Autor ist nicht nur hier wenig zimperlich. Dann wird Liuzhen zur Boom-City, die keine Raffgier, keine Perversität verschmäht. Was bleibt, sind die autoritären wie korrupten Parteikader. Gleich ob es um die kulturelle "Revolution" oder die kommerzielle "Reform" geht – sie sind immer dabei.

Mit einem Witz und einem Gestaltenreichtum, die ihresgleichen suchen, entfaltet Yu Hua ein Bild des halbwegs vergangenen und des gegenwärtigen China, wie man es sich drastischer schwerlich vorstellen kann: ein Balzacsches Gesellschaftsbild, eine comédie humaine. Er ist ein Meister der Zuspitzung, der absurden Bilder. Aber sein Witz ist nicht immer goutierbar, oft sogar degoutant. Wenn chinesische Komik durch eine noch forciertere Körperlichkeit charakterisiert ist, als es in der europäischen Tradition der Fall ist, treibt Yu Hua sie zum Exzess. Die analerotischen Voyeursfreuden, mit denen der Roman beginnt, wird man nicht unbedingt teilen. Die komische Tragweite von Schönheitskonkurrenzen mitsamt grenzenlos wiederholbarer Deflorationsübungen dank technologisch produzierter Jungfernhäutchen ist begrenzt. Der Witz geht völlig verloren, wo der Autor dem älteren Bruder mit der transsexuellen die charakterologische Mutation zumutet. Hier wird der Roman abstoßend. Das bittere Ende auf den Gleisen verspielt den letzten Rest an guter Laune, die der Roman im Übermaß bereiten kann. Dem Schlusswort ist nichts hinzuzufügen: "Das reicht".
– Yu Hua: Brüder. Roman. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009. 765 S., 24,95 Euro.

Autor: Ludger Lütkehaus