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05. Oktober 2009 00:16 Uhr
Saisonauftakt
Der Opernschocker Salome eröffnet die Freiburger Spielzeit
Marcus Lobbes inszeniert am Freiburger Theater Richard Strauss’ Opernschocker Salome. BZ-Redakteur Alexander Dick war bei der Premiere dabei – und strich den Begriff "Werktreue" aus seinem Vokabular.
So allmählich, wenn sich die Augen an das Dunkel im Zuschauerraum gewöhnt haben, nimmt man den Lichtstreif am Bühnenhorizont wahr. Wie im rötlichen Mondlicht schimmert dort verträumt die idealtypische Silhouette einer morgenländischen Stadt mit Kuppeln und Minaretten. Davor die Umrisse der Figuren – und schließlich, in deren Mitte, die Titelheldin auf dem Designersofa, Blickrichtung Silhouette: Prinzessin Salome ergötzt sich am tradierten Orientbild des bürgerlichen Abendlandes.
Ein stimmungsvolles Bild. Aber ein trügerisches.
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Nun, zunächst ist es statuarisches Ideentheater, bei dem das Subjekt (Regisseur) klar dem Objekt (Werk und Handwerk) übergeordnet ist. Will heißen: Vergesst "Salome", vergesst die gewohnten Insignien und Zutaten des Stücks wie "Tanz der sieben Schleier", Kopf des Propheten auf dem Silbertablett, Zisterne, in der dieser lebt... Bedarf es dieser auch wirklich? Oder genügt nicht ein (einmal mehr) großer, quaderförmiger mit Packpapier verkleideter Raum (Achtung: fragil) mit Deckenlampen im Schlachthoflichtoutfit (Achtung: Kälte), wie ihn Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert gestaltet hat? Und ist es Missbrauch am Libretto, wenn zum Beispiel dem Salome so bedingungslos liebenden Narraboth der dort notierte Bühnensuizid verwehrt bleibt?
Derlei Fragestellungen führen bei Lobbes’ "Salome" kaum weiter. Denn in seiner kompromisslosen Verweigerungs- und Fragehaltung gegenüber dem Klischeebild von dieser Oper gelingt dem Regisseur immerhin eine in sich weitgehend stringente, modernistische Sicht auf dieses Trieb-Opus. So wie Richard Strauss schon die Akzente gegenüber der Dramenvorlage Oscar Wildes zugunsten einer Zweierfigurenkonstellation (Salome-Jochanaan) verschob, richtet der Regisseur anno 2009 sein Augenmerk auf die Dekonstruktion des Décadence-Begriffs der Urgroßväter. Der existiert nur noch in der Hülle des 19. Jahrhunderts, die den Despoten Herodes im Ludwig’schen oder Louis Napoléon’schen Märchenkönigoutfit und seine Gesellschaft in den bürgerlichen Gewändern des frühen bis späten 19. Jahrhunderts zeigt – für die inspirierten Kostüme zeichnet Victoria Behr verantwortlich. Salome und der Prophet heben sich deutlich davon ab.
Lobbes lässt den religiösen Fanatiker und die fanatisch Begehrende aufeinander zusteuern – bis zur surrealen Begegnung auf dem Designersofa in der Schlussszene. Des Renaissancemalers Bernardo Luini "Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers", die unter dem Packpapier hervorragt, wirkt dagegen fast wie eine (keusche) Außerirdische, die hingeschmierte Parole "Romani ite domum" – Römer, geht nach Hause – aufgesetzt politisch. Zumal vor dem Hintergrund der gen Ende raupenhaft aneinander gereihten sogenannten Jumpzelte, die den ganzen Abend über die Bühne bevölkern. In einem davon übrigens erleben wir große Teile des "Tanzes der sieben Schleier" – nicht unoriginell, aber leider auch nicht zu Ende gedacht und gemacht.
Denn ein Großteil dieses berühmten Instrumentalstückes ist allzu sehr von szenischem Leerlauf beherrscht – eine Chance, die sich wiederum Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester nicht entgehen lassen. Subtil, mit großer Affinität zu den exotischen Färbungen und Modernismen des progressiven Konservativen Strauss realisieren sie den Reichtum der Partitur. Bollon arbeitet Strauss’ bitonale, moderne Klänge filigran heraus und lässt das vorzüglich aufgestellte Orchester auch in der spätromantischen Emphase des Werks leidenschaftlich baden.
Nur ganz selten, und dann trägt der Komponist daran eine gewisse Mitschuld, geht das auf Kosten der Sänger. Deren Disposition ist nämlich über weite Teile überragend. Zum Beispiel Sigrun Schell. Ihre Salome verdient wirklich höchste Wertschätzung, ist sie doch, übrigens auch singdarstellerisch, von bewundernswerter Differenzierungsfähigkeit. Gerade in den empfindsamen Facetten macht sie in ihrer Intensität nur allzu deutlich, dass der Komponist diese schwierige Partie ursprünglich dem lyrischen Fach zugedacht hatte. Auch Neal Schwantes’ Bariton-Orgel ist dem hymnischen Duktus der Verkündigungspassagen des Propheten bei seinem nunmehr zweiten Freiburger Jochanaan mehr als angemessen.
Treffliche Charakterstudien, ganz im Geiste Straussischer Verzerrung, liefern Roberto Gionfreddo und Anja Jung als dekadentes Herrscherpaar Herodes und Herodias. Die Rolle des Narraboth ist mit Christian Voigts kräftig-klarem Tenor luxuriös besetzt; Zuhörvergnügen bereiten auch die zahlreichen kleineren Partien und Ensembles – zumal der Disput Juden–Nazarener.
Was bleibt von dieser vor allem musikalisch bemerkenswerten Saisoneröffnung? Großer Beifall, Bravos, vereinzelte Buhs für die Regie – und Fragen. Auch rhetorische. Wie jene aus der aktuellen Ausgabe des Theater-Magazins: "Kann nicht mal wieder ein Prophet vorbeikommen, der uns sagt, wo’s langgeht?" Alexander Dick
INFO
Die nächsten Aufführungen am 8., 16., 21., 24. Oktober, 14., 22., 29. November sowie 11., 13., und 18. Dezember. BZ-Kartenservice Tel. 01805/556656
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Autor: bs


