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08. Februar 2012
Der Schmutz, der Staub und die Scheintür
Zum Tod des großen katalanischen Künstlers Antoni Tàpies.
Nach einem Unfall, auf dem Krankenbett kam der junge Antoni Tàpies zur Kunst. Er half sich mit Zeichnen. Und das blieb ihm sein Leben lang eine Tatsache: dass Kunst eine Kraft hat – dass sie wirken, etwas bewirken kann. Ein Jurastudium war dann für ihn nur eine Episode. Lungenkrank im Sanatorium, zeichnete Tàpies fieberhaft. Die Gefährdungen seiner Gesundheit überwand er, bei der Kunst ist er geblieben. Im Alter von 88 Jahren ist der Katalane jetzt in der Nacht zum Dienstag in seiner Heimatstadt Barcelona gestorben.
Seine Anfänge waren geprägt von Picasso und vom Surrealismus (von dem er sich später distanzierte). Miró blieb ihm nah. Früh schon, in den 1950er Jahren, fand Tàpies zu einer Bildauffassung, deren Möglichkeiten er dann in langer Zeit ausloten konnte. Er negierte das Raumbild, schloss und beschwerte die Bildfläche körperhaft materiell. Kraftvoll, dunkel, selbst auch voll Pathos waren seine Bilder – und flammende Statements gegen eine Kunst, die sich als Schöne Kunst gefällt. Tàpies war einer der profiliertesten Vertreter einer "Anderen Kunst" der Nachkriegszeit – einer Ästhetik der Armut. Ein Apologet der Einfachheit und ein Sinnsucher mit umfassender Bildung.
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Die von der Zeit gezeichneten Mauern der Altstadt von Barcelona hatte er vor Augen. Seine Metapher war die Mauer. Mit Pasten, mit reichlich Sand, Zement und Marmorstaub malte er "Mauerbilder". In seinem Essay "Die Mauer als Ausdrucksmittel" schreibt er – ein glänzender Essayist war er auch –, welche "unzähligen Resonanzmöglichkeiten" sich für ihn mit dem Bildnis der geschlossenen Wand verbinden: "Klagemauer, Gefängnis, Spuren der Naturkräfte, Eindrücke von Kampf oder von Aufbau und Erhebung, romantischer Zauber von Ruinen". Malend bringt er sich in den skizzierten Kontext ein. Seine Bildsprache ist nicht formgebunden: schlichte Anwesenheitsnotiz. Gestisch wendet er sich seiner Sache zu, macht sich gemein damit. So wie der Zen-Mönch das Selbstverständliche tut, selbst wenn er malt. Den ostasiatischen Weisen hatte der Katalane im Sinn.
Und in die Bildwelt, in der er Subjekt und Objekt handelnd zusammenbindet, bezieht er die trivialen Dinge dann selbst mit ein, die ein Leben begleiten. Seine Assemblagen schließen Möbel und allerhand einfaches Zeug ein. In seinen warmtonigen Objekten aus Schamott findet die Malerei neue Körperflächen. Und der rauen Materie gibt er Raum. Staub und Schmutz sind ihm lieber als Glanz. Eine Haltung – eine Gesellschaft, die diesen Grundstoff des Lebens aus ihrer Ordnung verbannt, war ihm zuwider. Sie galt ihm als lebensfeindlich. Mit dem Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich publizierte er den Band "Sinnieren über Schmutz".
Seine Kunst des Materiellen ist ein Bekenntnis zur physischen Welt – und will doch als spirituelle Suche verstanden sein. Er habe "ein religiöses Temperament", sagte er. Er "fühle sehr mystisch". Im Sandkorn will er die Welt begreifen. Und wer seine Mauern ansieht, der muss unwillkürlich an die steinernen Scheintüren der altägyptischen Grabkammern denken, die bildkräftig für den Überweg in ein mythisches Dahinter standen. Für Tàpies ist dieses anziehende Andere direkt im Materiellen präsent. Mit Beuys teilt er die Überzeugung: "Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten." Für den Mystiker Tàpies war das Oben und Unten allerdings eins.
Wer so denkt – wer Kunst so denkt, ist wenig zeitgemäß. Tàpies’ Geist war nicht der Zeitgeist. Er hatte großen Erfolg seinerzeit, aber es war auch still um ihn geworden in den letzten Jahren. Andere Namen strahlen heute heller. Es sind die Namen derer, deren Bekenntnisse viel eher gebrochen klingen.
Autor: Volker Bauermeister
