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04. Februar 2012
Der Trost der Mädchensocken
Die chinesische Autorin Liyun Li blickt in ihren Erzählungen auf "Tausend Jahre frommes Beten".
Herr und Frau Su haben ein Geheimnis: Hinter geschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen verbergen sie ihre Tochter Beibei vor den Augen der Welt. Beibei, fast 29, porzellanweiß und unglaublich dick, vegetiert zwischen Schlafen und Schreien in ihrem Bett dahin. Sie ist geistig schwerst behindert und vielleicht die Strafe dafür, dass sich Herr und Frau Su über die Warnungen ihrer Verwandten hinweggesetzt und geheiratet haben, obwohl sie Cousin und Cousine sind. Seit Jahrzehnten war niemand bei ihnen zu Besuch, und als ihr Sohn alt genug ist, zieht er erleichtert weg. Solange Beibei lebt, das wissen die Sus, wird er fernbleiben: Also hoffen sie auf die Zeit danach. Und schämen sich dieser Hoffnung. Schämen sich, dass das Leben ihre Liebe zu ihrer Tochter überdauert hat.
Auch wenn es immer noch Augenblicke gibt, da genügt eine Geste, das Berühren von Beibeis feinem Haar: Und Frau Su vergisst die Mühsal und den Gestank im Zimmer und die Einsamkeit. Berührung findet oft statt in diesem Buch, und jedes Mal birgt sie Zuneigung, Trauer und Trost: Wenn ein vernachlässigter Junge im Internat Mädchensocken aus der Waschküche klaut, und abends im Bett schiebt er seine Hand hinein und fährt sich damit übers Gesicht: Als wäre es die Hand eines anderen Menschen, die ihn liebkost. Wenn ein nutzloser alter Mann sich von seinem Hahn, mit dem er in einem Raum lebt, trennen muss, weil der in den Suppentopf wandert: Und bevor der Alte dem Tier mit der Axt den Hals durchschlägt, streichelt er noch einmal die dunkelgrünen Federn an seinem Kopf. Wenn Herr Su nach Beibeis Tod seiner Frau scheu übers Haar streicht und damit das Gefühl von Kindheitsgeborgenheit in ihr wachruft, als ihre Großmutter noch lebte und der Granatapfelbaum im Garten feuerrote Blüten trug. Es sind solche Berührungen, mit denen die Menschen sich zu vergewissern suchen, dass sie trotz allem nicht so allein sind, wie sie sich fühlen.
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In all diesen filigran gewobenen Erzählungen geht es um etwas so Gewöhnliches und so Grundsätzliches wie die Liebe, die am schneidendsten spürbar ist, wenn sie fehlt. Oder falsch ist. Die Liebe, die man will und nicht bekommt, und die, die man bekommt, ohne sie zu wollen. Die Liebe der Eltern zu den Kindern, die mit Erwartung gepaart ist: Und wenn die enttäuscht wird, kann ein Vater sich aus Gram schon mal umbringen. Die vertagte Liebe: Erst nach ihrer Pensionierung erlebt Großmutter Lin jenes "Aufwallen einer unbekannten Wärme", das sie in ihrer Jugend vermisst hat: Es gilt einem sechsjährigen Jungen. Die verlorene Liebe: Mit Sonnenblumenkernen und englischen Romanen hilft sich die Lehrerin Sansan über die Abwesenheit ihres Jugendfreundes hinweg, der sie nicht, wie versprochen, zu sich nach Amerika geholt hat.
Präzise und behutsam legt die chinesische Schriftstellerin Yiyun Li ihre Figuren dar, ihre Lebensumstände, ihren Charakter, ihre Gefühle in ihren Schattierungen und Widersprüchen. Sie erzählt von durchkreuzten Plänen, schmerzhaften Ritualen, dem Bedürfnis, ein Versprechen auch zu halten. Sie erzählt, ganz bejahend, von der Unerforschlichkeit des Schicksals. Und streift wie nebenbei feinsinnige Wahrheiten von den Zweigen, als wären es reife Früchte: Sie fallen uns in den Schoß, ohne dass wir mehr dafür tun müssen, als zu lesen.
– Yiyun Li: Tausend Jahre frommes Beten. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Hanser Verlag, München 2011. 224 Seiten, 19,90 Euro.
Autor: Ingrid Mylo
