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14. Juli 2012

Der Vater aller Küsse

Zum 150. Geburtstag von Gustav Klimt feiert Wien den Maler – und sich selbst.

  1. Zieht Ausstellungsbesucher nach Wien: Gustav Klimts „Der Kuss“ Foto: dpa

In diesen schwierigen Zeiten macht Wien das, was es am besten kann: Es feiert sich selbst. Mit dem Slogan "Wien. Jetzt oder Nie" wirbt die Metropole für eine Flut von Veranstaltungen rund um den 150. Geburtstag von Gustav Klimt. Die goldenen, kaiserlich-königlichen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg werden also einmal mehr beschworen und sei es mit modernsten Methoden: Ein Klimt-Musical führt durch "mitreißende Musical-Rock-Musik", Gemälde, Kostüme und ein multimediales Bühnenbild "mitten in die Epoche des Wiener Jugendstils".

Klimt ist überall: vom Bösendorfer Flügel bis zur Hundedecke. Gustav Klimt Superstar! Das war er schon zu Lebzeiten: Sich von Gustav Klimt porträtieren zu lassen, war für Wiener Fabrikantengattinen ein mitunter leibhaftiges Vergnügen, das die Herrn Gemahle großbürgerlichste Toleranz und nebenbei ein kleines Vermögen kostete. Eine über die üblichen Affären hinausgehende, möglicherweise rein platonische Beziehung unterhielt Junggeselle Klimt zu Emilie Flöge, der Schwester seiner Schwägerin, die einen Modesalon führte. Mit ihr ging er in die Oper und ins Theater. Sie war es auch, die er nach einem Schlaganfall im Januar 1918 an sein Sterbebett gerufen haben soll. Klimt repräsentiert eine für den Symbolismus typische Sicht auf die Frau. Sie erscheint entweder als Göttin oder als femme fatale, und dieser Gegensatz zieht sich wie ein roter Faden durch Leben und Œuvre.

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Am 14. Juli 1862 kam Gustav Klimt als zweites von sieben Kindern im Wiener Vorort Baumgarten zur Welt. Sein Vater, der Graveur Ernst Klimt, stammte aus Böhmen, die Mutter Anna aus Wien. 1876 trat er mit 14 Jahren in die Wiener Kunstgewerbeschule ein und gründete nach Studienende zusammen mit seinem Bruder Ernst und dem ehemaligen Mitschüler Franz Matsch eine "Künstlercompagnie", die vom Bauboom der späten Gründerzeit profitierte. Man gestaltete Innendekorationen für die neue Monumentalarchitektur an der Ringstraße, beispielsweise für das Wiener Burgtheater (1886 bis 1888). Als Vater und Bruder Ernst 1892 starben, hatte sich Gustav Klimt bereits einen Namen als gründerzeitlicher Historien- und Dekorationsmaler gemacht.

Doch Klimt wäre nicht Klimt, wäre er im Historismus der Ringstraße stecken geblieben. Nur wenige Jahre später provozierte er mit seinen symbolistischen Darstellungen der Philosophie, Medizin und Jurisprudenz, die für die Aula der neu gebauten Universität geplant waren, den bis dato größten Wiener Kunstskandal: Zu pessimistisch, zu kritisch, zu erotisch befanden die empörten Professoren. Mit anderen Worten: Zu wenig naturalistisch, zu frei und eben zu modern für die Beamtenschaft der k. u. k. Donaumonarchie. Nach jahrelangem, öffentlich ausgetragenem Streit über die Freiheit der Kunst resignierte Klimt und kaufte 1905 seine Einwürfe zurück.

Diese Debatte am Ende des Jahrhunderts zeigte, dass die Zeit für einen tiefen Schnitt gekommen war. 1897 erfolgte die Geburt der "Wiener Secession" mit Gustav Klimt als erstem Präsidenten. Von den Traditionen und dem Akademismus der Vätergeneration wollte sich diese Vereinigung junger Künstler abnabeln. Erneuerung der Kunst auf allen Gebieten! Architektur und Innenarchitektur, Skulptur, Malerei und Kunstgewerbe sollten zusammenklingen, um dem Leben mehr jugendliche Schönheit und Stil zu verleihen. Für die XIV. Ausstellung im von Joseph Maria Olbrich erbauten "Haus der Secession" schuf Klimt 1902 seinen berühmten Beethoven-Fries, der eine Zäsur in seinem künstlerischen Werdegang markiert. Figur, Raum, Gegenstand – im Rhythmus der arabesk schwingenden Linie und in der ornamentalen Stilisierung verschmilzt alles zu einer dekorativen Einheit. Die flächigen Figuren werden von kleinteiligen Strukturen überzogen, tiefe Räumlichkeit wird bewusst vermieden. Der Fries bezieht sich auf den Schlusschor der neunten Sinfonie, mit der Vertonung der Ode "An die Freude", und er endet an der rechten Seitenwand mit dem "Kuss", den Friedrich Schiller "der ganzen Welt" entgegenschleudert.

Ja, der Kuss! 1907/08 entstand mit Klimts gleichnamigem, quadratischem Gemälde die Jugenstil-Ikone überhaupt. "Der Kuss" gehört in eine Werkphase, die auch die "Goldene" genannt wird, da der Künstler in dieser Zeit gerne mit Goldfarben und Blattgold arbeitete. Ist dieses weltberühmte und meistreproduzierte Schlüsselbild des Jugendstils ein Selbstporträt? Klimt betonte zwar immer wieder, dass seine Person als "Gegenstand eines Bildes" nicht "extra interessant" sei, neuere Forschungen deuten aber darauf hin, dass der Kuss auf einer Blumenwiese am Abgrund niemand anderen zeigt, als den mit seiner Muse Emilie Flöge verschmelzenden Künstler.

Im vergangenen Jahrhundert hatte der zeitweise als "Kitsch" verschriene Jugendstil nicht immer Hochkonjunktur. Wenn die vom Wiener Standard aufgegriffene Anekdote vermutlich nicht wahr ist, so ist sie doch gut erfunden: Noch Ende der 1970er Jahre soll ein Wiener Antiquariat eine große Anzahl von Klimt-Zeichnungen in einer Wühlkiste zum Schnäppchenpreis von 9000 Schilling angeboten haben. Das Interesse soll sich in Grenzen gehalten haben. Da schmerzt das Herz des Spekulanten: Im Jahr 2006 brachte Klimts "Adele Bloch-Bauer I" von 1907 bei einem über Christie’s abgewickelten Privatverkauf 106,7 Millionen Euro. Auch wenn Neider zu Klimts Lebzeiten "Mehr Blech als Bloch" spotteten, die "Goldene Adele" zählt nach Jackson Pollocks Bild "No. 5" zu den teuersten Gemälden der Welt.

Autor: Antje Lechleiter


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