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05. Juli 2012

Die Absurdität des Alltags

KOMÖDIE: Pascal Rabatés "Holidays by the Sea" ist durchgeknallt, dialogfrei und leicht.

  1. Jagd nach der Kette: Marie de Medeiros, Jacques Gamblin Foto: movienet

Der Sommer ist noch jung, aber er war schon verdammt anstrengend bisher – so viel Gerenne und Gerede und nicht mal ein halb finales Glück. Da tut ein Film wie dieser richtig gut: Hier wird gar nichts geredet, nie gemauert und selten vergeblich gerannt, die Spielzeit bleibt sogar noch unter 90 Minuten, die Pässe kommen an, und am Ende gibt es gleich zwei Gewinner. Der französische Zeichner und Regisseur Pascal Rabaté, Jahrgang 1961, der mit "Ibicus" (2005) von sich reden gemacht hat, einer Comicadaption von Tolstois "Emigranten", kommt jetzt mit seinem dritten Spielfilm in unsere Kinos: "Holidays by the Sea" ist eine dialogfreie Komödie, in der schwarzer Humor auf lichten Sommerhimmel trifft und Nonsense auf Warmherzigkeit.

Ein Badeörtchen irgendwo an der französischen Atlantikküste: Der Verkäufer im Supermarkt verteilt kaum vorhandene Waren akribisch auf den langen Regalen, eine junge Frau kauft die einzige Flasche Wasser, um sie dann vor dem Laden auszuleeren. Komisch? Blöd? Weder noch, wir werden es später verstehen. Ein braungebrannter Macho steigt mit roten Rosen aus dem Sportwagen und eilt zu einem Sadomaso-Schäferstündchen, an dessen Ende die blonde Domina mit seinem Flitzer davonbraust und ihn mit Handschellen ans Bett gefesselt zurücklässt, den Rosenstrauß zwischen den Pobacken. Geschmacklos? Lustig!

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Schlitzohrige Golfer, verpeilte Ehebrecher, generalstabsmäßige Zeltbauer, lesbische Punkerinnen, spießige Wohnwagencamper, beleibte Biederleute, schweigende Zeitungsleser und und und: Man sieht dem Panoptikum grotesker Figuren zunächst mit einer gewissen amüsierten Ratlosigkeit zu und fragt sich, ob dieser Film mehr will als absurde Tableaus des (Urlaubs-)Alltags zu präsentieren, wofür Kameramann Benoît Chamaillard zweifellos ein gutes Auge hat. Aber schon kommt Dynamik auf: Der Mann mit dem roten Kinderdrachen und die Dame mit dem Strohhut machen sich auf die Jagd nach ihrer Halskette, die der Drachen ihr vom Hals gerissen hat und nun tänzelnd vom Strand entführt, mitten hinein in ein Nudistencamp. Ihre Ehepartner vertreiben sich derweil die Zeit mit Erdbeeren und Sahne, wobei ebenfalls die nackten Tatsachen wippen. Bei diesen Herrschaften regiert das schiere Begehren, andernorts aber ist längst auch Gefühl im Spiel.

In ihrem durchgeknallten Witz erinnert Rabatés Komödie an Jean-Pierre Jeunets "Micmacs" (2009), in ihrem Licht und ihrer Zärtlichkeit gar an Jacques Tatis "Ferien des Monsieur Hulot" (1953). Wobei man freilich auch nicht fordern sollte, sie müsse gleich so überbordend sein wie Jeunets Parisfilm oder so hinreißend wie Tatis Strandklassiker. Dann aber kann sie wunderbar unangestrengt unterhalten und ihre ganze erfrischende Leichtigkeit entfalten. Zu viel erwartet haben wir in diesem Sommer ja schon zur Genüge.

– "Holidays by the Sea" (Regie: Pascal Rabaté) läuft in Freiburg im Apollo.

Autor: Gabriele Schoder