Die Bitte um Erbarmen

Christine Adam

Von Christine Adam

Di, 11. Dezember 2018

Klassik

Freiburg: Münsterkonzert mit Mozarts c-Moll-Messe.

Eine gewichtige Vertonung der katholischen Messe, mit Pauken und Trompeten. Doch zum Gänsehaut-Moment kam es im Münsterkonzert der Freiburger Dommusik bei Mozarts Messe c-Moll KV 427, als die hohen Streicher ganz leise zum "Et incarnatus est" einsetzten. Wo der Komponist das Sechsachtel-Metrum zunächst quasi schweben lässt, die Holzbläser pastorale Klangfarben hinzufügen und dann die Sopranistin mit schlichter Innigkeit die Menschwerdung Gottes, das Weihnachtswunder, besingt. Überhaupt füllte Sabine Goetz, ein veritabler lyrischer Mozart-Sopran, die Belcanto-Verzierungen, mit denen der geniale Salzburger die Gesangskünste seiner frisch angetrauten Gattin Konstanze bedacht hatte, stets mit sinnhaftem Ausdruck.

Aus Altem entwickelt Mozart eine neue, persönliche Deutung der vorgegebenen liturgischen Texte. Wie im "Gloria", wo Händels "Messias" aufscheint. Klar zeichnend gab das aus Mitgliedern der Freiburger Philharmoniker formierte Orchester dem festlichen Chorklang Kontur. Und im "Kyrie", wo der Dirigent Boris Böhmann mit dem Domchor und der Domkapelle die zu Musik gewordene erdenschwere Schuld des um Erbarmen bittenden Menschen durchmaß. Oder in der mit Pfundnoten des stile antico anhebenden Fuge "Cum sancto spiritu". Souverän setzte der Domkapellmeister mit den tüchtigen Chorformationen des Münsters das polyphone Geflecht unter Spannung. Eine scheinbar ewig dauernde Fuge, ein kontrapunktisches Perpetuum mobile ist das "Quoniam"-Solistenterzett mit Sopran, Mezzo (Eleonora Vacchi) und Tenor. Aufgeführt wurde jetzt diese Messe aus dem Jahr 1783 als das, was sie ist: ein Fragment, ein Torso.

Mit den "Litaniae de venerabili altaris Sacramento" KV 243 hatte das Konzert begonnen. Hier erklang im "Panis vivus" (zuverlässig koloraturgewandt: Tenor Hans Jörg Mammel) die Bitte um Erbarmen geradezu fröhlich. Lebendiges Brot und lieblichstes Gastmahl, "Dulcissimum convivium" (mit warmem Leuchten: Sabine Goetz) – die Litanei reflektiert die Gegenwart Gottes im Altarsakrament und die damit verbundene Verheißung. Sehr schön die klangfarblichen Entsprechungen von Orchester und den Stimmgruppen der Domkapelle bei der "Pignus"-Doppelfuge. Eine sinfonische Mozart-Deutung, mit gemessenem Ernst. Wie kann man sich der Gegenwart Gottes nähern? Die Litanei gibt die Antwort: mit "miserere nobis".