Die CSU will einen Theatermacher kaltstellen

Patrick Guyton

Von Patrick Guyton

Fr, 20. Juli 2018

Theater

Matthias Lilienthal unterstützt die Münchner Demo "Ausgehetzt".

"Im Prinzip hat die CSU ja total Recht", sagt Matthias Lilienthal gegenüber dieser Zeitung mit seiner bekannten Ironie. "Aber besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen." Dann legt der Intendant der Münchner Kammerspiele los: Horst Seehofer hat zum 69. Geburtstag mit dem Schicksal von Flüchtlingen kokettiert, andere CSU-Politiker sprachen von "Asyltourismus". Aufgrund der immer schärferen Tonlage gegenüber Flüchtlingen hat Lilienthal im Namen der Kammerspiele zur Teilnahme an der Großdemo "Ausgehetzt – gemeinsam gegen die Politik der Angst" am kommenden Sonntag aufgerufen. Die Münchner CSU will ihm deshalb einen Maulkorb verpassen und verlangt dienstrechtliche Konsequenzen.

Mittlerweile rufen 140 Organisationen zur Kundgebung in der Innenstadt auf. Plakate zeigen die Konterfeis der CSU-Politiker Horst Seehofer, Markus Söder und Alexander Dobrindt. "Wir wehren uns gegen die verantwortungslose Politik der Spaltung", schreiben die Organisatoren um den Kulturveranstalter Thomas Lechner. "Wir setzen ein Zeichen gegen den massiven Rechtsruck in der Gesellschaft." Zu den Unterstützern zählen Flüchtlingshelferkreise, Gewerkschaften, Kirchen, Grüne, SPD und Linke.

Die CSU im Münchner Stadtrat, die in einem Bündnis mit der SPD deren Oberbürgermeister Dieter Reiter stützt, schäumt vor Wut. Deren Fraktionsvorsitzender Manuel Pretzl begründet in seinem Antrag, ein städtischer Betrieb wie die Kammerspiele sei "zur parteipolitischen Neutralität verpflichtet". Der CSU-Stadtrat Richard Quaas verunglimpft Lilienthal laut eines Berichts gar als "besseren Politkommissar". Mit dem Berliner Theatermacher hatte man sich 2015 einen bekennenden Linken in das Haus an der Maximilianstraße geholt, das war klar. Noch vor Beginn seiner Intendanz beglückte er viele Münchner mit der Aktion der über die ganze Stadt verteilten Shabby-Shabby-Appartments: Winzige kreative Übernachtungsquartiere standen da an allen möglichen und unmöglichen Orten. Am Theater setzte Lilienthal auf Experimentelles, viel Performance und Gastauftritte freier Gruppen aus aller Herren Länder. Keine Demo gegen Rassismus oder Pegida ließ er aus. Traditionelle Sprechstücke, so der Vorwurf eines Teils des Publikums, kämen viel zu kurz. Die CSU verkündete, dass sie seinen Vertrag nicht über 2020 hinaus verlängern werde, daraufhin kündigte Lilienthal von sich aus.

Nach den CSU-Attacken ist die Solidarisierung enorm: Das städtische Volkstheater unter dem eben im Amt bestätigten Intendanten Christian Stückl hat ebenfalls zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen. Daraufhin boykottierte der der CSU angehörende Zweite Bürgermeister Josef Schmid die Unterschrift unter dessen Vertragsverlängerung und erschien nicht zum offiziellen Akt. Der Intendant des vom Freistaat betriebenen Residenztheaters, Martin Kusej, künftiger Intendant der Wiener Burg, unterstützt "Ausgehetzt" gleichfalls und wendet sich gegen "dummen Wahlkampf-Populismus und die ideologische Verzerrung des Christlichen, den die CSU im Namen führt".

Oberbürgermeister Reiter reagiert kühl auf den CSU-Strafantrag: "Die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kultur sind in einer liberalen Stadtgesellschaft ein überragend schützenswertes Gut." Matthias Lilienthal selbst sagt: "Ich freue mich, wie viel Werbung die CSU für die Veranstaltung macht."