Die erschreckende Nähe von Traum und Albtraum

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Mi, 12. September 2018

Ausstellungen

Arbeiten von Johannes Hüppi in der Freiburger Galerie Baumgarten.

Spätestens seit im Februar das Gemälde "Hylas und die Nymphen" von John William Waterhouse in der Manchester Art Gallery abgehängt wurde, war allen klar: Die Sexismusbebatte und Me-Too-Bewegung ist mit Wucht, aber auch einem Drall ins Groteske in der Museumswelt angekommen. Mittlerweile hängt das 1896 vollendete Werk wieder an seinem Platz, doch das Thema ist längst nicht verschwunden. Schon nach einer Kirchner-Ausstellung im Frankfurter Städel 2010 entbrannte eine heftige Diskussion über das Verhältnis der Brücke-Künstler zu einigen, definitiv zu jungen Aktmodellen. In der Balthus-Ausstellung der Fondation Beyeler ist dieser Disput – wie nicht anders zu erwarten – wieder aufgeflammt.

Mädchenbildnisse von Balthus und Kirchners neunjährige "Fränzi", sowie eine große Anzahl von Frauendarstellungen sind derzeit auch in der neuen Ausstellung der Freiburger Galerie Baumgarten zu sehen. Gemalt von Johannes Hüppi (geboren 1965) hängen sie als "Bild im Bild" in seiner aktuellen Serie der "Museums-Bilder" an den Wänden eines imaginären, von ihm eingerichteten Museums. Ob Giovanni Segantinis "Die bösen Mütter", Ingres’ "Die Badende" oder Andrew Wyeths "Christianas Welt" – man kennt viele der von Hüppi ausgewählten Werke mit ihren Titeln, und doch hat die Art der Schilderung dieser Szenerien nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Eine magische Aura liegt über dem Geschehen. Das liegt nicht zuletzt an den Museumsbesucherinnen. Als wären sie den Bildern gerade entstiegen, wandeln weibliche Akte durch die Räume. Ihre Rolle hat sich allerdings gegenüber ihrem Erscheinen im Bild entscheidend verändert. Mit größtem Selbstbewusstsein und dem Blick einer Connaisseuse betrachten sie jene Meisterwerke der Kunstgeschichte, deren fester, aber objekthafter Bestandteil sie sind. Hüppi bewertet den Inhalt der von ihm zitierten Werke nicht in einer moralischen Weise. Was er betreibt, ist eher ein Nachdenken über das Wesen der Malerei, und er konfrontiert ihre traditionellen Inhalte mit unserem kritischen, zeitgenössischen Blick auf die Kunst. Wie man es von ihm nicht anders kennt, tut er dies in seinen kleinen, ungemein verdichteten Formaten mit großer Leidenschaft und einer grandiosen Technik.

Schon seit seinen Studententagen ist Hüppis zentrales Thema die Frau, die er in verschiedenen Werkserien in unterschiedlichen, mitunter ganz alltäglichen, Rollen zeigt. Wenn er in dem ausgestellten Bild "Saturn frisst seine Kinder" ein Madonnenbild Raffaels mit Balthus’ "Die Musikstunde" und dem berühmten, titelgebenden Goya-Gemälde zusammenbringt, dann setzt er auch mit diesem "Museums-Bild" im Kopf des Betrachters einen Film in Gang. Auf die Liebe der Mutter zu ihrem Kind folgt eine sexuell entwürdigende Strafe, und alles endet mit einem grausamen Tod. Nachdenklich betrachten die beiden unschuldig schönen Frauenakte die Wand mit den drei Bildern. Als spüre sie selbst das brutale Reißen an ihrem dunklen Haar, greift sich die sitzende Besucherin an den Kopf. Nachdenklich werden auch wir angesichts dieser Verdoppelung der Rollen. Der Künstler führt uns in die imaginäre Welt der Fantasie und schafft mit seinen Werken eine Projektionsfläche, in der Traum und Albtraum erschreckend nah beieinander liegen.

Galerie Albert Baumgarten, Kartäuserstr. 32, Freiburg. Bis 27. Okt., Di bis Fr 15–19, Sa 11–15, Mi, Do 10–12 Uhr.