28. März 2009
Die ewigen Trapps

- Die letzten Trapps: Johannes, Maria (jr.) und Erika 2008 in Salzburg vor der „Villa Trapp“. | Foto: Verwendung nur in Deutschland, usage Germany only
Er lacht zum Beispiel, wenn er von der unbändigen Energie seiner Mutter erzählt, von der übermächtigen Matrone, der emotionalen Dampfwalze, der nimmermüden Ideenschmiede: "Das war die rohe Kraft der Natur, die da wirkte, Sie glauben es nicht, es war unfassbar." Und dann hat er Tränen in den Augen, als er erzählt, wie er einmal an einem Sonntagmorgen einen jungen Matrosen über seinen Gartenzaun steigen sah und sich über den Bengel ärgerte. "Aber dann sah ich, dass er ans Grab meiner Eltern lief, vor dem Grab stramm stand, salutierte und auf demselben Weg wieder verschwand." Seither steht das Gartentor offen, und jeder kann hier auf dem kleinen Gottesacker der Familie vor den Gräbern stehen: Georg von Trapp, Maria von Trapp.
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Die Namen stehen für ein modernes Märchen, für eine dramatische Familiensaga, für einen Mythos, den jeder Amerikaner kennt. Als singende Großfamilie sind die von Trapps 1938 vor den Nazis nach Amerika geflohen, als Vorbild für den Hollywood-Film "Sound of Music" sind sie zu Helden, Heiligen, Übermenschen und Popikonen geworden. Das ist die kürzeste Fassung einer langen Geschichte.
Im Detail, sagt der alte Baron, ist alles etwas komplizierter und widersprüchlicher, es vermischt sich vieles in dieser Geschichte, was nicht recht zusammenpasst: Deutschland und Österreich, Kitsch und Klischees, Hitler und Hollywood. "Unsere Geschichte war anders als die im Film", sagt der Baron und beginnt zu erzählen. Draußen schneit es. Im Kamin knistert das Feuer. Ein junges Mädchen im Dirndl bringt Kaffee mit Schlag.
Vorhersehbar, sagt der Baron, war der Weltruhm nicht, als ein pensionierter und verwitweter U-Boot-Kapitän namens Georg von Trapp in Salzburg in den späten zwanziger Jahren eine Hauslehrerin für seine sieben Kinder suchte. Das nahe Kloster schickte ihm eine junge Novizin namens Maria, die der Äbtissin als musikalisch und energisch aufgefallen war, aber zur Nonne nicht recht taugte.
"Wir haben wirklich immer mit ihr gesungen", sagt der Baron, läuft wieder rot an und lacht, "egal, was wir getan haben, sie hat ein Lied angestimmt, und alle haben mitgesungen." Maria wurde bald die zweite Frau des Kapitäns, und als die Familie nach einer Bankenpleite plötzlich mittellos war, begann sie, aus der ganzen Familie einen Chor zu machen. Schon 1937 war die "Trapp-Familie" kreuz und quer in Europa unterwegs, sie sang für Könige und Fürsten. Doch 1938 verließen die von Trapps Österreich. In ihr Salzburger Haus zog Heinrich Himmler.
Dass die Trapps Österreich verlassen haben, ist schon deshalb bemerkenswert, weil sie ja nicht verfolgt wurden. Im Gegenteil, kurz nach dem "Anschluss" im März 1938 wünschte sich Hitler, dass die goldige Trapp-Familie an "Führers Geburtstag" in Berlin singen würde. Die Trapps wurden von den neuen Herrschern in Österreich so umschmeichelt, dass man dem ältesten Sohn eine attraktive Stelle in einem Wiener Hospital anbot. Sie war gerade frei geworden, weil die jüdischen Ärzte nun aus den Krankenhäusern vertrieben wurden. Die Trapps als kinderreiche Traditionsfamilie mit Gold in der Kehle und deutschem Liedgut im Gepäck hätten unter den Nazis ein privilegiertes Leben führen können. Doch sie verweigerten den Pakt mit dem Teufel. Über Italien wanderten sie nach Amerika aus und kehrten nie mehr zurück.
Warum? "Die ganze Familie war sehr gegen die Nazis. Mein Vater war auch sehr gegen den Anschluss, und das Katholische spielte sicher auch eine große Rolle", erzählt der Baron. Schon damals lebte ein Priester als Hausgeistlicher und Musiklehrer bei der Familie. Er ging mit nach Amerika und führte, in echter Einwanderertradition, den kleinen Pilgertross an. Maria von Trapp erwartete während der Flucht ihr drittes Kind, das zehnte der Familie: Johannes von Trapp kam kurz nach der Ankunft in den USA zur Welt. Hier wurden die "Trapp Family Singers" schnell so berühmt, dass sie mit einem Bus durchs Land tingeln und in den abgelegenen Bergen Vermonts eine Farm kaufen konnten. Carl Zuckmayer, ein anderer Flüchtling aus Österreich, überwinterte den Krieg hindurch hier in denselben Bergen. Doch er kehrte nach Europa zurück. Die Trapps dagegen organisierten nach dem Krieg Hilfspakete für Österreich, dachten aber selbst nicht an eine Rückkehr. Das Konzertgeschäft lief gut, Maria von Trapp schrieb schon 1949 ihre Memoiren, und es wurde prompt ein Bestseller, in Deutschland begeisterte in den Fünzigern der Film "Die Trapp-Familie" mit Ruth Leuwerik ein Millionenpublikum. 1959 hatte das Broadway-Musical Premiere. "Aber erst mit ,Sound of Music’ hat sich 1965 alles geändert", sagt der Baron, Johannes von Trapp, der Jüngste, der nun auch schon 70 Jahre alt ist, "wir waren plötzlich berühmt, wir waren ein Kulturphänomen." Und die Menschen begannen, nach Vermont zu pilgern, um die echten von Trapps zu sehen.
Interessanterweise blieb der Film in Deutschland und Österreich weitgehend unbekannt. Die synchronisierte Fassung "Meine Träume, meine Lieder" war ein Flop, vielleicht auch, weil man sich mit einer konservativen Großfamilie, die vor den Nazis geflüchtet war, nicht identifizieren konnte. Aber rund um die Welt war und ist der Film bis heute ein beispielloser Erfolg. In Russland war es vor dem Niedergang des Eisernen Vorhangs der einzige westliche Film, der gezeigt werden durfte. "In China gibt es heute einen Kult um diesen Film. Immer da, wo Menschen unterdrückt werden, spricht dieser Film besondere Gefühle an", sagt der Baron.
Doch nirgends hat der Erfolg von "Sound of Music" solche Dimensionen angenommen wie in den USA. Es ist hier mehr als ein Film. "Es ist ein Teil unserer eigenen, amerikanischen Geschichte", wie die New York Times einmal schrieb. Denn auch die Populärkultur kennt so etwas wie einen Kanon gemeinsamer Erfahrungen, eine Grundausstattung, ohne die man im Leben kaum zurechtkommt. Für die meisten Amerikaner gehört in dieses Paket die Erinnerung an die Waltons, an die Brady-Familie, an die Ewings aus Dallas. Und "Sound of Music" gehört eben auch zu diesem kollektiven Erfahrungsschatz und wirkt viel mächtiger als John Boy Walton und JR Ewing. Denn die Trapps gab es wirklich, der "Sound of Music" nimmt eine "wahre Geschichte" für sich in Anspruch.
Selbst die aktuellen Fernsehserien sind voll von Anspielungen auf die Trapp-Familie. Und sogar durch politische Reden und Familiengespräche am Küchentisch geistern oft die Trapps, als Zitat, als Redensart, als altvertrauter Witz. Ganz abgesehen davon, dass die Lieder immer noch täglich im Radio laufen und kein anderes Musical in den USA so oft in der Schule aufgeführt wird. Kaum einer kommt durchs amerikanische Schulleben, ohne wenigstens einmal den "von Trapps" zu begegnen. Deshalb ist das Deutschlandbild der Amerikaner bis heute ganz maßgeblich von diesem Film bestimmt. Dass es um Österreich geht, ist ein nachrangiges Detail. Was hängen bleibt, ist die alpenländische Idylle und der Terror der Nazis. Hitler und Lederhosen – das perfekte Deutschland-Klischee.
Ist das nicht alles Kitsch? "Es ist ein furchtbarer Kitsch", sagt Johannes von Trapp, läuft wieder rot an und lacht. Aber dann korrigiert sich der Baron: "Nein, eigentlich kann man das nicht als Kitsch abtun", sagt er ungewöhnlich ernst, "dafür hat der Film zu viele Menschen bewegt, er hat zu viel bewirkt, als dass man sich darüber lustig machen könnte." Oft, sagt er, haben ihm Amerikaner gesagt, dass sie, wann immer sie traurig sind, "Sound of Music" aus der Videothek ausleihen und sich dann gleich wieder etwas besser fühlen, weil der Film so ermutigend und die Trapp-Geschichte so aufbauend sei. "Stellen Sie sich das einmal vor: Wenn die verzweifelt sind, schauen die diesen Film. Was soll man denn darauf noch sagen? Dagegen gibt es doch kein Argument mehr", sagt der Baron hilflos und hat wieder Tränen in den Augen. Vor dem Fenster klopft ein Specht.
Der Trapp-Mythos lebt, auch wenn nun Jahrzehnte vergangen sind. Der Film ist 44 Jahre alt, Maria von Trapp ist seit über 20 Jahren tot, Georg von Trapp starb schon Ende der Vierziger. Zum letzten Mal gesungen hat die Familie 1956. Und nach dem Tod der Mutter haben sich die Geschwister schlimm zerstritten. 32 Eigner hatte die Lodge in den Bergen, als Maria von Trapp starb. Nach bitterem Streit und Prozessen gehört Johannes von Trapp das Haus heute allein.
Von den zehn Kindern leben noch fünf. Maria von Trapp jr. ist 94 Jahre alt. Mit ihr zusammen war Johannes von Trapp als katholischer Missionar in Neu-Guinea. Doch das ist lange her. So wie seine Mutter nicht zur Nonne taugte, taugte er nicht zum Priester. Er ist Förster geworden. Und später hat er die "Trapp Family
Lodge" hier in Vermont übernommen, wo er Amerikanern ein Natur- und Nostalgieerlebnis bietet. Draußen kann man auf Langlaufskiern die Umgebung erkunden oder helfen, nach Irokesen-Sitte den Saft für den Ahornsirup aus den Stämmen zu zapfen; drinnen gibt es eine Extraportion Gemütlichkeit. 100 000 Besucher pro Jahr kommen zur Lodge. Nicht alle wandeln auf den Spuren der Trapps. Aber alle suchen ein Stück heile Welt.
Wenn die Frau an der Harfe abends im Speisesaal die Lieder aus "Sound of Music" spielt, wird es still und alle schauen beglückt. Doch auch hier liegen Lachen und Weinen nahe beeinander: "Sobald ich ,Edelweiß’ spiele, rollen die Tränen. Es ist jeden Abend so." Die liebenswerte Broadway-Schnulze halten viele Amerikaner allen Ernstes für die österreichische Nationalhymne.
Das Feuer ist jetzt fast herabgebrannt, und der Baron zeigt alte Fotos: Die zwölfköpfige Familie in Trachten, die Kinder bei der Hausmusik, alle zusammen bei der Gartenarbeit, beim Erntetanz, beim Tischgebet. Man kann sich in diesen Bildern verlieren wie in einem dicken Roman aus lang vergangenen Zeiten. "Diese alte Welt gibt es gar nicht mehr", sagt Johannes von Trapp, der heute nur noch selten singt, dessen wohlklingender Bass aber auch seine Sprechstimme prägt, "das ist alles, alles verloren gegangen." Er hat wieder Tränen in den Augen. Aber im nächsten Moment lacht er auch schon wieder.
Autor: Markus Günther





