Theater

Die Freiburger Immoralisten bringen Fontanes Erzählung "Unterm Birnbaum" auf die Bühne

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 06. Juli 2018

Freiburg

Die Immoralisten bringen Fontanes Erzählung "Unterm Birnbaum" auf die Bühne .

"Unterm Birnbaum": Das klingt nach ländlicher Idylle. Und manch einem mag da auch noch der gute Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland einfallen, dem Theodor Fontane die Taschen voller Birnen gestopft hat, damit er die Kinder seiner Umgebung erfreue.

In dieser frühen Erzählung allerdings, die als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift "Gartenlaube" erschien, führt der heitere Plauderer der deutschen Literaturgeschichte anderes im Schilde. Es handelt sich um einen wüsten Krimi, in dem besagter Birnbaum nur eine Camouflage-Rolle spielt: Angeblich, so will es eine Nachbarin des Hauptverdächtigen beobachtet haben, hat dieser des Nachts einen Toten im Garten unter dem Gehölz vergraben. Als man dem Verdacht auf den Grund geht, kommen die zwölf Jahre alten Überreste eines gefallenen Soldaten zum Vorschein. Das Mordopfer ruht derweilen friedlich im Keller der Wirtschaft, die der Mörder mit seiner Ehefrau betreibt.

Darauf muss man erst einmal kommen. Fontane hat die Räuberpistole allerdings nicht erfunden. Sein Vater hatte als Mitglied einer Bürgergarde tatsächlich Ähnliches erlebt. Wie bringt man einen Mord mit vertuschter Leiche auf die Bühne? Als schauerliche Moritat, sagt Manuel Kreitmeier, Arrangeur und Regisseur der Fontane-Bearbeitung, die die Freiburger Immoralisten als ihr Sommer-Open-Air vor und bei schlechtem Wetter erstmals auch in ihrem Theater im Gewerbehof an der Ferdinand-Weiß-Straße zeigen.

Damit erfüllt sich der Fontane-Liebhaber einen lange gehegten Wunsch. In Kreitmeiers Bearbeitung der Prosavorlage hat sich kein fremdes Wort gemischt. Sie basiert naturgemäß auf den Dialogen, in denen Theodor Fontane, so Kreitmeier, ein Meister sei. Er hat die Erzählung in kurze Szenen aufgeteilt, die am besten durch ein Blackout zu unterbrechen wären: Da das unter freiem Himmel nicht funktioniert, heißt es: blitzschnell umbauen. Als Basis dafür hat sich der Regisseur eine Wohnzimmerwand ausgedacht, vor der das Mobiliar immer wieder neu arrangiert werden kann. Es soll historisch zugehen bei "Unterm Birnbaum" – und der von Fontane zur Authentifizierung der Dorfatmosphäre eingesetzte plattdeutsche Dialekt wird für die Rolle der Nachbarin ins Alemannische transponiert.

In ihr sieht Manuel Kreitmeier den Angelpunkt seiner Inszenierung. Diese Beobachterin und Denunziantin steht für eine vergiftete Gemeinschaft, in der jeder ein heimtückisches Verbrechen wie das des Gastwirts begehen könnte – der seinen Gast umgebracht hat, um mit dessen Geld seine Schulden zu begleichen. Kreitmeiers Regie nimmt sozusagen das ganze Dorf für den Mord in Haft: Alle könnten eine Leiche im Keller haben – und jeder deutet die Geschehnisse nach seinem eigenen Interesse.

Zum Beispiel der Pfarrer: Aus Genugtuung über die Konversion der Wirtsfrau zum Protestantismus stellt er sich lange schützend vor die Komplizin des Verbrechens, die allerdings wenige Wochen später an ihrem schlechten Gewissen zugrunde geht. "Unterm Birnbaum", sagt Kreitmeier, sei wie Horváth, der wie kaum ein anderer soziale Mikroorganismen seziert hat. Aber mit Schauereffekt.

Denn Theodor Fontane lässt es, wie man auch aus "Effi Briest" weiß, gerne spuken. Am Ende ereilt im "Birnbaum" den Täter seine gerechte Strafe, weil er sich von der als Hexe verschrienen Nachbarin hat einreden lassen, in seinem Keller spuke es. Die Leiche muss weg ... Aber spukt es denn nicht wirklich? Werden die Lebenden nicht vom Geist der Toten heimgesucht? Oder fällt der Mensch nur allzu schnell und allzu bereitwillig den Suggestionen des Aberglaubens anheim?

Man darf gespannt darauf sein, wie die Immoralisten den Kosmos eines unerlösten Dorfes vergegenwärtigen. Manuel Kreitmeier selbst hält "Unterm Birnbaum" – nicht zuletzt, weil in der Geschichte vieles wirklich unter freiem Himmel spielt – für eines der gelungensten Open-Air-Stücke der Immoralisten. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass der Regisseur nicht nur solche Dörfer aus eigener Anschauung kennt. Sondern auch den Tatort. Seine Eltern haben bei Backnang eine Gastwirtschaft betrieben.

Termine: Freiburg, "Unterm Birnbaum", Theater der Immoralisten, Ferdinand-Weiß-Str. 9–11, Premiere: Do, 12. Juli, 20 Uhr; weitere Aufführungen bis 8. Sept. Vorverkauf beim BZ-Karten-Service (bz-ticket.de/karten oder Tel. 0761 / 496-8888) und bei allen BZ-Geschäftsstellen.