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03. September 2010
Vorderhaus Freiburg
Georg Schramm: Die Generation der Pflegebedrohten
Die schlechte Nachricht vorweg: Ausverkauft. Bei Georg Schramm ist das so. Einer der besten, weil schärfsten, politischsten Kabarettisten Deutschlands stellt in Freiburg sein neues Soloprogramm vor.
Die schlechte Nachricht vorweg: Ausverkauft. Auch heute und morgen. Bei Georg Schramm ist das so. Er ist einer der besten, weil schärfsten, politischsten Kabarettisten Deutschlands, hat seine Fernsehauftritte in der ZDF-"Anstalt" aufgegeben, damit er wieder mehr auf der Bühne stehen kann, wo er seinem Publikum in so feinen kleinen Häusern wie dem Freiburger Vorderhaus ganz nahe ist. Am Mittwochabend feierte der 61-Jährige mit seinem neuen Soloprogramm "Meister Yodas Ende" eben dort Premiere – von Freiburg aus gehen Schramms Bühnenfiguren Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben und der hessische Sozialdemokrat August auf Kabarett-Tournee durch Deutschland.
Doch was heißt hier: Kabarett? Meister Yoda entstammt dem Science-Fiction- Märchen "Star Wars", in dem es um den Kampf der guten gegen die bösen Mächte geht. Die Waffe für den Existenzkampf in fernen Galaxien: Laserschwert. Schramm und sein Regisseur Rainer Pause haben Meister Yoda auf die Erde geholt und ein Volksstück erdacht, weit mehr als die Aneinanderreihung von Kabarettstückchen, das ebenso vom Kampf um Leben und Tod handelt – und als Waffe die Sprache gewählt. Eine Sprache, deren Wirkung ganz außerordentlich ist: Das Publikum lacht, brüllt – und schweigt. Es ist belustigt, berührt – und betroffen.
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Der Abend beginnt mit August. Dumm ist er nicht, dieser August, aber seit 40 Jahren Sozialdemokrat. Er kann halt nicht anders, was aber nicht heißt, dass er sich mit Sozialdemokratinnen wie Andrea Nahles abzufinden gedenkt: Die gehöre in den hintersten Winkel eines dunklen Waldes, befindet August, das Schrotgewehr griffbereit auf seinem Schoß. Aber dann kommen August auch andere Gedanken, die Augen glitzern feucht, Worte stocken, Sätze bleiben unvollendet. Denn er sitzt in seinem Schrebergärtchen, nicht weit von der Stelle, wo er gemeinsam mit dem Nachbarn und dem Enkelsohn die Urne der verstorbenen Ehefrau verbuddelt und das Grab so hergerichtet hat, wie "Mutter" das gewollt hätte. Nachdem das Trio sie aus dem Urnenfeld des Hauptfriedhofs ausgebuddelt hatte, versteht sich, denn: "Da darfste ja nix."
In Augusts sechs, sieben Minuten dauerndem Auftritt ist die Dramaturgie des Abends bereits erkennbar: Schramm dirigiert seine Zuhörer durch sich abwechselnde Themenfelder, ein ausgeklügelter Rhythmus bestimmt den Spannungsbogen, der sich mal aus der großen Politik speist, dann wieder um sehr persönliche Anekdoten rankt. Beides ist klug beobachtet, präzise formuliert und herausragend dargestellt.
Perfektioniert hat Georg Schramm dieses Spiel mit seinem ewig schlecht gelaunten Preußen Dombrowski, dessen Brandreden an ihrem missionarischen Eifer manchmal schier zu ersticken drohen – "Merkel und Westerwelle, das sind Furunkel am Gesäß des Bösen!": Heiliger Zorn scheint eine Eigenschaft, ja eine Haltung zu sein, die die Kunstfigur mit dem Kabarettisten teilt. Manchmal, in den besten Momenten, ist dieser Zorn mit Vernunft gepaart. Dombrowski ist es auch, der am offensivsten auf das Publikum zugeht: Er befragt Einzelne ohne Scheu oder Rücksicht zu Kriegserlebnissen oder erinnert die Älteren an ihr bevorstehendes Ableben: "Wir sind eine Generation von Pflegebedrohten". Ob dieser Direktheit vernimmt man ein kollektives Luftanhalten im Zuschauerraum – aber Schramm will niemanden bloßstellen, nur eine Wunde offen legen, von der jeder im Saal weiß, dass sie auch unter seinem Lebenspflaster schwärt.
Was Dombrowski die Themen Alter, Demenz, Pflege, sind Oberstleutnant Senftleben die Politik und das Militär. Jovial und bestgelaunt wendet sich der "Panzermann – für die Frauen" an seine "Landsleute". Der Afghanistankrieg ist sein Anliegen und seine schwindelerregenden Assoziationsketten führen von Ex-Verteidigungsminister Strucks Ausspruch: Deutschland wird am Hindukusch verteidigt über den Taliban-Satz: Afghanistan werde im Sauerland verteidigt bis zu: Schwarz-Gelb könne nur mit Hilfe des Kriegsrechts verteidigt werden…
Gut zwei Stunden dauert es, bis Meister Yodas Ende erreicht ist. Es ist ein bitterer Abgang – vor allem für Dombrowski. August hingegen hat sich eine "solide aggressive Grundstimmung" erarbeitet und beschließt, bei Schlecker Rentnerungehorsam zu betreiben.
Nein, es ist keine schlechte Nachricht, dass die Abende mit Georg Schramm ausverkauft sind. Es ist vielmehr eine sehr gute Nachricht.
Autor: Heidi Ossenberg
