Landesausstellung

"Die Geschichte von Sport und Technik" im Technoseum Mannheim

Wolfgang Risch

Von Wolfgang Risch

Di, 11. Dezember 2018 um 19:37 Uhr

Kunst

Von der Körperertüchtigung zur Fitness: Eine Ausstellung im Mannheimer Technoseum beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen Sport, Technik, Gesellschaft und Kultur

Schon zwei Jahrzehnte, bevor sie in Deutschland wählen durften, haben sich Frauen das Recht erstritten, Sport zu treiben. Ums Jahr 1900 legten sie erst die langen Röcke, dann das Korsett ab. Davor galten Leibesübungen als unschicklich und "die Gebärfähigkeit gefährdend", danach – um 1920 – sportliche Frauen als Schönheitsideal, informiert die Ausstellung "Fertig? Los! Die Geschichte von Sport und Technik" im Mannheimer Technoseum.

Die "Große Sonderausstellung Baden-Württemberg" im ursprünglichen "Landesmuseum für Technik und Arbeit" beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen Sport, Technik, Gesellschaft und Kultur. Im Sport entwickelte sich eine Welt von Helden und Mythen, die auch politisch instrumentalisiert wurden. Und pervertiert, als sowohl der preußische König wie die Nazis Sport ("Leibeserziehung" – der Begriff wurde allerdings bereits von Reformpädagogen in den 1920er Jahren geprägt) als Hinführung zum Militärdienst missbrauchten, auch im Sinne der Ertüchtigung junger Männer als Vorbereitung auf den großen Krieg.

Eng verknüpft mit der Industrialisierung

Der moderne Sport ist eng verknüpft mit der Industrialisierung, sagt der Kurator Alexander Sigelen. Wenig erstaunlich also, dass die Fitness-Bewegung vor 200 Jahren in England ihren Anfang nahm mit Sportarten wie Pferderennen, Rudern oder dem Boxkampf. Darauf hebt das Technoseum ebenso ab wie auf den Umstand, dass Friedrich Ludwig Jahn 1811 den ersten deutschen Sportplatz in der Berliner Hasenheide eröffnete. Schon damals gab es bei den Wettkämpfen Akteure und Zuschauer; dass "Turnvater" Jahn – "frisch, fromm, fröhlich, frei" – ausgerechnet auf einem Bierkrug abgebildet ist, erstaunt vor diesem Hintergrund nicht wirklich.

Am Anfang der Bewegung wurden Sportler noch mit Argwohn betrachtet, sie galten als aufsässig, bald jedoch wurden die Möglichkeiten erkannt, die gestählte Muskeln eröffneten. Auch für Jahn hatte die Körperertüchtigung einen militärischen Hintergrund. Die Reiter saßen auf Militärpferden, als 1711 das erste Rennen im englischen Ascot ausgetragen wurde. Erst von 1872 an gab es Pferderennen in Iffezheim. Die antike olympische Idee ward 1896 aufgegriffen, im Jahr 1900 traten erstmals Frauen bei den Olympischen Spielen der Neuzeit an mit Sportarten wie Croquet, Golf, Segeln und Tennis.

"Die Olympiaden der Neuzeit haben eine erfundene Tradition", sagt Kurator Alexander Sigelen, und mit den Olympischen Spielen der Antike wenig gemeinsam. Die Olympioniken von damals traten gegeneinander an, nicht gegen die Zeit, und so waren Leistungen über die Jahre nicht vergleichbar, die Teilnehmer konnten sich nur mit den gegenwärtigen Konkurrenten messen. Heute nehmen Kameras die Ziellinie bei Wettrennen mit 30 000 Bildern pro Sekunde auf, "manche Sportarten sind sehr technikabhängig", sagt Sigelen, "da liegen die Industrieländer vorn". Die politische Seite des Sports fand ebenso Eingang in die Ausstellung wie die kommerzielle.

Und die gesellschaftliche: Der von England ausgehende Wettkampf-Sport konkurrierte anfangs mit dem deutschen Turngedanken, die Turner lehnten das Kräftemessen lange ab. Beide Bewegungen waren freilich Männern aus gehobenen Schichten vorbehalten. Frauen wie Arbeiter konnten sich davon befreien, Letztere entwickelten eine lebendige Kultur des Arbeitersportvereins.

Aus der wachsenden Sportbegeisterung entwickelte sich sowohl ein Massen- als auch ein professioneller Rekordsport. Mit Nebenwirkungen, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es beim Radfahren Doping-Fälle. Dann schafften medizinische Geräte den Sprung in die Privatsphäre, Heimtrainer und Pulsuhren etwa. "Der Sport hat die Sportstätten verlassen", sagt Sigelen, "es gibt keinen Bereich, in dem er nicht vorkommt." Auch nicht in der Mode, in Form von zu Sneakern mutierten Sportschuhen.

Mannheimer Technoseum: bis 10. Juni 2019, täglich 9–17 Uhr.