Die Gier nach Helden

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 02. Februar 2017

Kino

DRAMA: "Billy Lynn".

Eigentlich sieht Billy (Joe Alwyn) aus wie ein Engel. Einen Helden stellt man sich anders vor. Und doch scheint das ganze Land den Neunzehnjährigen als Heroen feiern zu wollen, seit er in einem Hinterhaltgefecht dem Sergeant (Vin Diesel) zur Seite gesprungen ist und den Angreifer im Zweikampf mit einem Messer getötet hat. Im Sommer 2004 wird er mit seinen Kameraden für eine PR-Tour der Armee aus dem Irak zurück in die Heimat geflogen.

An Thanksgiving steht ein gigantisches Halbzeitspektakel mit Destiny’s Child im Footballstadion auf dem Programm. Ein Agent soll die Heldenstory an ein Hollywood-Studio verkaufen, eine wunderschöne Cheerleaderin mit christlicher Gesinnung macht sich an Billy heran, der Eigentümer des Football-Teams (Steve Martin) sieht in ihm den edlen Kämpfer gegen das Böse, ein Unternehmer aus der Ölindustrie bedankt sich für das geschäftsfördernde Militärengagement. Billy aber wird zunehmend von den Bildern des Krieges verfolgt und denkt darüber nach, mit Hilfe seiner Schwester Kathryn (Kristen Stewart) zu desertieren ...

Regisseur Ang Lee ("Schiffbruch mit Tiger") inszeniert in "Die irre Heldentour des Billy Lynn" den Roman von Ben Fountain als kompaktes hyperrealistisches Drama. Immer wieder sucht die Kamera die direkte Nahaufnahme, wird auf der Tonspur das hastige Treiben in die Übersteuerung hineingezogen. Die Absurdität des modernen Propagandabetriebes wird mit traumatischen Erinnerungsfetzen und den extremen Stressmomenten im Gefecht wirkungsvoll kontrastiert. Die Kluft zwischen einer nach Helden gierenden Gesellschaft und denen, die in ihrem Auftrag in den Krieg ziehen, wird hier plastisch vor Augen geführt.

Umso enttäuschender ist das Ende des Films, der vor den eigenen Erkenntnissen zurückschreckt und das alte Hohelied der Kameraderie singt, zu dem schon zu viele wider besseres Wissen in den Krieg gezogen sind. (Läuft in Freiburg und Lörrach, ab 12)