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10. Oktober 2009

Die Mauer ist weg

Von der Kulturrevolution zum Wirtschaftsboom: die chinesische Literatur – ein Überblick / Von Ludger Lütkehaus

  1. Mao Zedong, wie ihn Andy Warhol 1967 sah Foto: DDP

  2. Der Boom hat China in die Moderne katapultiert und zerrissen – ein großes Thema in der Literatur. Hier die Skyline von Schanghai. Foto: dpa

Goethe äußert sich 1813 gegenüber seinem Freund Knebel über China: "Ich habe mir dieses wichtige Land gleichsam aufgespart, um mich dorthin im Falle der Not zu flüchten." Goethes Bewunderung für China und die Chinesen, für ihre "strenge Mäßigung" und die Stabilität des chinesischen Reiches, aus seiner Perspektive das positive Gegenbild zum Zeitalter der europäischen Revolutionen und der napoleonischen Kriege, hat sich auch in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten nicht verloren. Noch 1827 rühmt er gegenüber Eckermann bei Tisch, dass bei den Chinesen "alles verständig sei".

Zum China-Migranten ist Goethe trotzdem nicht geworden. An seiner Statt haben sich die Goethe-Institute in China etabliert. Heute entsprechen ihnen im Gegenzug mehrere neugegründete chinesische Konfuzius-Institute auf deutschem Boden. Der wechselseitige Austausch floriert. Und das gilt nicht nur für die Sprachen, die Wissenschaften, die Wirtschaft, die Touristik, sondern auch für die Literatur. Seit der Verleihung des ersten chinesischen Literaturnobelpreises 2000 an Gao Xingjian, ist Chinas überaus reiche Literatur in der westlichen Welt mehr denn je präsent. Die Nominierung zum Gastland der Frankfurter Buchmesse schließt, wenn auch mit einer gewissen, politisch und menschenrechtlich motivierten Verspätung, konsequent an die japanische (1990) und koreanische (2005) Gastlandrolle an. Und das ist auch gut so. Denn neben dem Englischen ist das Chinesische, jedenfalls quantitativ gesehen, die wichtigste Literatursprache der Welt.

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Wer sich heute als – im Goetheschen Sinn – "dilettierender" Liebhaber der chinesischen Literatur ohne sinologische Vorkenntnisse auf dem deutschsprachigen Übersetzungsmarkt umsieht, macht mit einer höchst vielfältigen Präsenz der chinesischen Literatur Bekanntschaft. Der Rahmen reicht von der ersten, bald kanonisch gewordenen Lyriksammlung des "Shijing", dem "Buch der Lieder" aus dem zehnten bis sechsten Jahrhundert v. u. Z., das mit seinen erotischen Tageliedern auch in Deutschland seit der Erstübersetzung Friedrich Rückerts 1833 geradezu populär geworden ist, bis zu der hermetischen Lyrik eines Bei Dao. Freilich muss der Leser lernen, sich auf die außerordentliche Spannweite dieser Literatur einzustellen, die nach dem Schock der Kulturrevolution gegenwärtig von dem nicht minder schockartigen Wirtschaftsboom in die Mitte einer zerrissenen, nur notdürftig balancierten Gesellschaft gerissen wird. Das zentrale Symbol der chinesischen Geschichte: die große Mauer als Inbild ihres defensiven Ab- und Ausschließungswillens wird auf allen Ebenen geschleift. Das Klischee jener an ästhetischer Schönheit und Formvollendung überreichen Chinoiserien, das seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts das europäische Bild Chinas geprägt hat, muss der Leser revidieren. Tradition und Moderne kollidieren fast überall miteinander. Die Komplexität der Tradition selber und die Widersprüche ihrer Modernisierung potenzieren diesen Spannungsreichtum noch.

Selbst das flagranteste Beispiel "kulturell" genannter Barbarei, das die neuere chinesische Geschichte, nicht zuletzt die Literatur und hier fast alle auf Deutsch erschienenen Werke bis zur Obsession traumatisiert hat: die so genannte "Große proletarische Kulturrevolution", zeigt sich bei genauerem Zusehen komplexer, als man auf den ersten Blick wahrhat. Als Jugendbewegung einer Revolution in Permanenz scheint sie radikal mit dem konfuzianischen Traditionalismus und Immobilismus, seiner Fixierung auf eine paternalistische Hierarchie, Autorität, Ordnung, Bildung, familiäre und gesellschaftliche, politische und religiöse Konsenskultur, Gleichgewicht und Harmonie zu brechen. Die Bildungseliten werden exkommuniziert oder gleich liquidiert. Zugleich schließt die fatale Rolle des "Vorsitzenden Mao" an eben diese autoritäre Tradition an. Das diktatorische Konzept der Umerziehung bleibt ihr ebenso verhaftet. Und auch die Institution verordneter Selbstkritik bricht nur scheinbar aus ihr aus.

Doch schon die Anfänge der Tradition sind in sich spannungsreich. Der Taoismus kennt nicht die Starre des Konfuzianismus. Das Yin-Yang-Symbol orientiert sich an der komplementären Logik wechselseitiger Inklusion. Es ist das Gegenbild zur "Großen Mauer" als Prinzip der Exklusion. Das "Buch der Wandlungen", wenn man es für einmal etwas plakativ symbolisch nehmen darf, verbindet sich mit den Lehren der Beharrung. Und das zeigt sich auch und gerade auf dem Boden der Literatur, die mit ihrer dreitausendjährigen Lebensdauer zentral für das chinesische Selbstverständnis ist. Vom 6. Jahrhundert bis zum Anfang der Moderne (1905) ist sie eine Literaten-Literatur, eine Literatur der schreibenden Eliten, der Beamten, der Mandarine, die ihre amtliche Kompetenz durch literarische Bildung zu erwerben und beweisen hatten. Der deutschsprachige Leser wird nicht ohne Amüsement zur Kenntnis nehmen, dass man erst einmal ein ordentliches Gedicht schreiben können musste, um Beamter werden zu dürfen.

Aber die traditionelle Verbindung von Elite, Bildung und Literatur hat die letztere nichts weniger als steril gemacht. In den "vier klassischen Romanen" der chinesischen Literatur etwa, deren Präsenz in der Anspielungs- und Zitatkultur der Gegenwartsliteratur unübersehbar ist, finden sich mit den "Räubern vom Liang-Shan-Moor" auch anarchische, subversive Impulse wie im "Kin Ping Meh" erotische und zur Not auch pornographische. Diese Literatur ist keineswegs blutleer. Sie ist immer für Überraschungen gut. Bei dem "Vorsitzenden Mao" wiederum, wie auch immer man seine angebliche oder wirkliche Autorschaft einschätzen mag, ist die literarische Bildung nicht zu dementieren. Und man darf auch nicht vergessen, dass die "Große proletarische Kulturrevolution" literaturgeboren ist: Sie wurde durch die Aufführung des Theaterstücks "Hai Rui wird entlassen" von Wu Han und den Angriff des "Vierer-Banden"-Mitglieds Yao Wenyan darauf ausgelöst. Ob also "revolutionär" oder "reaktionär" – man ist unter Literaten. Komplexitätssteigerung statt Reduktion ist auf allen Ebenen die Aufgabe. Die postkulturrevolutionäre "Narben-", die Klage- und Anklageliteratur, dem Gegner durch die obsessive Fixierung verbunden, fällt hingegen manchmal hinter diese Aufgabe zurück. Freilich kann man sich auch dem bestürzenden Eindruck der Exzesse an Grausamkeit, wie sie jüngst Yu Hua in seinem Großroman "Brüder" darstellt, nicht entziehen.

Die Fortschreibung der relevanten politischen Themen im Zusammenhang mit der jüngsten chinesischen Geschichte, dem Tiananmen-Massaker oder den chinesischen Beiträgen zum Tibet-Problem, wird demgegenüber eher vernachlässigt. In beiden Fällen mag auch die Berührungsangst mitspielen, die der gelockerten, aber weiterhin praktizierten Zensur und der andauernden Herrschaft des korrumpierten, aber immer noch bestimmenden Kaderkommunismus geschuldet ist. Die chinesischen Exilanten, allen voran Gao Xingjian und Ha Jin, riskieren hier naheliegenderweise mehr. Aber auch ethnischen und kulturellen Minderheiten, etwa Jidi Majia ("Gesänge der Yi") bringen sich mit dem relativen Minderheitenschutz, den sie im Gegensatz zu den Tibetern genießen, mit einigem Nachdruck zu Gehör. Die Konfiguration eines ideologisch bornierten kaderkommunistischen Überbaus mit einer entfesselten ökonomischen Basis, die mit ihrer rigorosen Ausbeutung der Arbeiterschaft, zumal der Wanderarbeiter, den Manchesterkapitalismus unguten Angedenkens zum Manchesterkommunismus eskaliert, ist nur noch als Karikatur der marxistischen Lehre zu würdigen. Alle Autoren, die sich dieser Konfiguration zuwenden, etwa Li Er, Yu Hua, Xu Xing, Qian Zhongshu, Gao Xingjiang, Chen Guidi, Wu Chuntao und Murong Xuecun, scheuen zu Recht die satirische Replik nicht. Der spektakuläre ökonomische Boom des teilweise neuen, teilweise geöffneten, teilweise reformierten China ist ohnehin neben der Kulturrevolution und in Zukunft ganz gewiss das beherrschende Thema. Mit einer Drastik, die keine Zuspitzung, keine grausame Pointe scheut, wird in den Romanen von Yu Hua, Murong Xuecun und Luo Lingyuan eine Boom-Gesellschaft porträtiert, die wie in den Jugendjahren des Kapitalismus alles käuflich und verkäuflich macht. Der sexuell wie kommerziell gleichermaßen potente Held von Yu Huas Roman "Brüder" und sein unglücklicher, literarisch missratener älterer Bruder verkörpern die Extreme von Winner und Loser; die am Ende käufliche und sich wie alle Welt verkaufende Frau ist das traditionell naheliegende kommerzielle und sexuelle Objekt.

Auch des ökologischen Themas hat man sich inzwischen angenommen. Die Bevölkerungsexplosion und die parteiamtlich verordnete Zwei- bzw. Ein-Kind-Politik als erzwungene Antwort darauf haben Li Ers Roman "Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" und Xinrans Roman "Die namenlosen Töchter" drastisch dargestellt. Das eindrucksvollste Beispiel des großen ökologischen Romans auf dem Hintergrund chinesischer Expansions- und Ausbeutungspolitik gibt Jiang Rongs Roman "Der Zorn der Wölfe". Auf dem Boden des mongolischen Graslands wird hier von einem Erzähler, der die Qualitäten eines chinesischen Jack London hat, der Raubbau an einer misshandelten Natur und die Vernichtung der traditionellen mongolischen Kultur in brutaler Deutlichkeit gezeigt. Dem nietzscheanisch gefärbten Vitalismus des Autors, seinem Zorn auf die eigenen Volksgenossen muss man nicht folgen. Aber hier liegt ein Großroman vor, der auf der ganzen fatalen Höhe der Zeit ist und der und zeigt, wohin die Reise der Geschichte geht.

Einen herausragenden Zug hat die chinesische Literatur, den man schnell übersieht: enormen Witz. Gleich drei Beispiele dafür. Qian Zhongshu steht mit dem Anspielungs- und Bildungwitz seines Romans "Die umzingelte Festung" noch auf dem Boden der traditionellen Literaten-Literatur, bereitet dem Leser aber auch ein satirisches Lesefest. Nichts komischer, als wenn Gelehrte die umzingelte Festung der Frau zu schleifen versuchen. Yu Huas Analerotik, seinen Fäkalhumor und seine Neigung zu präziser Fleischbeschau in seinem "Brüder"-Roman wird nicht jedermann teilen. Aber man wird schwer umhin können, sich seines Sprachwitzes, seiner Situationskomik, der satirischen Präzision seiner sozialen und politischen Typen zu erfreuen. Freilich, dieser hochbegabte Autor respektiert die Grenzen des ästhetisch Erträglichen, des psychologisch Plausiblen noch nicht.

Das gelungenste Beispiel chinesischen Witzes liefert Xu Xings Roman mit dem – selbstverständlich satirischen – Titel "Und alles, was bleibt, ist für dich". Ausgerechnet im postmaoistischen China lebt die Gattung des europäischen Schelmenromans mit seiner Verbindung von Individualismus, Anarchismus und Vitalismus wieder auf. Xu Xing hat schon als Jugendlicher von der Obrigkeit den hochverdienten Ehrentitel eines "schwer erziehbaren Elements" bekommen. Besonders anerkennenswert: Der deutschlandversierte Autor schickt seinen Helden am Ende ins Land der Frankfurter Buchmesse, wo die markantesten Reiseerfahrungen, witziger durchaus als in anderen aktuellen chinesisch-deutschen Touristenromanen, im höchsten Grade "chinesisch" sind.

In einem Punkt freilich bleibt eine wesentliche Differenz: Autoren wie Yu Hua und Jiang Rong erreichen in China Multi-Millionenauflagen. Im deutschen Sprachraum muss man bescheidener sein.

Autor: Ludger Lütkehaus