Haydns „Schöpfung“ in der Kirche St. Peter in Lörrach

Die reine Harmonie

mwb

Von mwb

Di, 29. Januar 2013

Klassik

Der Motettenchor Lörrach und L’arpa festante nahmen sich in der Kirche St. Peter in Lörrach Haydns "Schöpfung" an.

Haydns Schöpfung hat es in sich. Die äußeren Anforderungen sind hoch. Ein sehr guter Chor und ein veritables Symphonieorchester werden benötigt. Dazu noch exzellente Solisten. Außerdem lauert die Gefahr des musikalischen Scheiterns auf Schritt und Tritt. Haydns Musik braucht eine inspirierte Wiedergabe um zu wirken. Ohne Esprit und Transparenz wären die zwei Stunden Musik der bisweilen schlichten Partitur schwer auszuhalten. Diese Anforderungen und Risiken haben Stephan Böllhoff nicht abgehalten, das selten musizierte Werk am Sonntag in Lörrachs Kirche St. Peter mit seinem Motettenchor aufzuführen. Und dank hervorragender Leistungen bei allen Beteiligten geriet die Aufführung zu einer glänzenden Darbietung dieses oratorischen Solitärs.

Ein trockener Paukenwirbel, gefolgt von satten Akkordschlägen des vollen Orchesters eröffnen das Werk. Dann ein samtweicher, harmonisch in fahles Licht getauchter Streicherteppich. Aphoristische Bläsereinwürfe mischen sich darunter. So illustriert Joseph Haydn das vor der Schöpfung liegende Chaos. Und gibt damit eine erste Kostprobe dessen, was sich als Stärke und Schwäche seiner Partitur erweisen soll: plakative musikalische Stimmungsbilder. Ob es nun um Sturm, Höllengeister, Meeresgetümmel oder idyllische Hirtenszene geht. Alles weiß Haydn eins zu eins in passende Tongemälde umzusetzen. Bisweilen durchaus originell und überraschend, wie der auf einem wogenden Teppich tiefer Streicherklänge daherschwimmende Walfisch. Bisweilen für moderne Ohren arg plakativ und erwartbar wie das eröffnende "Es werde Licht", oder der den ersten Teil beschließende Sonnenaufgang.

Doch diese aus 200 Jahren historischer Distanz resultierende ästhetische Abständigkeit fiel kaum ins Gewicht. Denn mit L’arpa festante hatte Böllhoff einen Klangkörper an seiner Seite, der aus Haydns Partitur das Maximale an Dramatik herausholte. Durchaus trocken im historisch informierten Klangbild, aber extrem beredt in der Gestik spielte die Ikone unter Deutschlands Barockorchestern auf. Obertonreiche Streicherklänge, betörende Soli der Holzbläser, strahlende Fanfarenstöße der Naturtrompeten und Barockposaunen hüllten das in Richtung Oper driftende Oratorium in eine spannungsreiche, opulente Klangszenerie.

Der Motettenchor setzte dem orchestralen Geschehen mit seinen Chören die vokale Krone auf. Lupenrein in der Intonation, bewundernswert homogen im Klangbild und präzise in der Diktion wurden die eindrucksvollen Chöre zelebriert. Zusammen gehalten wurde der große Aufführungsapparat von Stephan Böllhoff. Ohne Taktstock organisierte er das das stets spannungsvolle metrische Geschehen, mischte mit kleinen Gesten die Klangbalance und führte die Steigerungen zielsicher zu ihrem Kulminationspunkt.

Klar, dass bei so einer ambitionierten Aufführung auch hervorragende Solisten verpflichtet werden: Bernhard Gärtner lieh dem Erzengel Uriel seine schlanke, hell intonierende Tenorstimme und sang enorm ausdrucksstark und präsent bis in die letzte im piano verklingende Nachsilbe. Den Doppelpart als Raphael und Adam legte Markus Volpert mit seiner kultivierten Bass-Stimme in vielen vokalen Facetten aus. Mit druckloser Dramatik und einem schlanken lyrischen Tonfall konnte er ohne Abstriche überzeugen.

Den größten Eindruck hinterließ an diesem Abend aber Susanna Martin als brillante Sopranistin. Mit perlenden Koloraturen, wohldosiertem Vibrato und einer mühelos erreichten, strahlenden Höhe sang sie sich in die Herzen des Publikums. Ihr stimmlicher Charme, als Eva im Duett mit Adam dann auch leicht szenisch angedeutet, trug über so manche Schwachstelle des arg biedermeierlichen Librettos hinweg.

Begeisterter Beifall in der bis auf den letzten Platz besetzen Kirche dokumentierte nach einem fulminant gesteigerten Schlusschor, wie sehr diese Aufführung insgesamt und in vielen Details überzeugen konnte. Eine Aufführung, die auf hohem Niveau jene Qualität verwirklichte, die das Libretto als Kennzeichen der himmlischen Musik sieht: reine Harmonie.