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06. Juni 2012

Die Ruhe vor dem Ausbruch des Vulkans

Die Schriftsteller Rafik Schami und Samar Yazbek sprachen im Literaturhaus Basel über die Zustände in ihrer Heimat Syrien.

  1. Rafik Schami und Samar Yazbek (rechts) in Basel Foto: Martina David-Wenk

"Man kann nicht aus Angst vor dem Kommenden das Jetzige akzeptieren." Für den bekannten Deutsch-syrischen Schriftsteller Rafik Schami ist die Rebellion in Syrien zwingend und nur aus Angst vor einem islamistischen Gottesstaat dürfe das Assad-Regime nicht gestützt werden. Rafik Schami, mehrfach ausgezeichneter Erzähler und Bestseller Autor ist in Begleitung der syrischen Journalistin und Schrifstellerin Samar Yazbek. Seit sie vor einem Jahr aus Syrien floh, lebt die Autorin in Paris. Auf Einladung des Literaturhauses Basel sprachen beide über die Situation in Syrien. Beide hoffen auf ein Gelingen der Revolution und sind sich sicher, sollte Assad demnächst stürzen, würden die Islamisten zwar auf rund ein Fünftel der Stimmen zählen können, sie würden die Wahl aber nicht gewinnen, zu viele andere Gruppen gäbe es in Syrien, die mit am Umsturz beteiligt sind.

Unter den Gästen im Literaturhaus sind einige, die schon als Touristen das geschichtsträchtige Land bereisten. Rafik Schami erwähnte die Touristen, die die Ruhe in Syrien unter Assad bewunderten. Er nannte diese eine Friedhofsruhe. Samar Yazbek nannte sie die Ruhe vor dem Ausbruch eines Vulkans, es habe schon lange gegärt in ihrem Land, schon bevor der Aufstand mit den Schülern begann, die regimekritische Parolen auf Wände schrieben und die daraufhin vom System verfolgt wurden. Es gab eine rege Intelektuellenschicht, die nicht müde wurde in ihren Versuchen das System zu verändern. Sie selbst hatte mit Jugendlichen gearbeitet und sich um die Rechte der Frauen bemüht. Mit Erfolg, wie sie selbst sagt, die Mehrehe sei verboten worden und Ehrenmörder könnten nicht mehr mit Strafmilderung rechnen. Gleichwohl war ihr Leben bedroht und sie musste das Land verlassen. Rafik Schami sagt zu seiner 1970 geborenen Kollegin, sie habe das Militär nackt gezeigt, hätte in ihren Romanen viel Mut besessen und von den Herrschenden alles heruntergerissen.

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An diesem Abend ist ihr Buch "Schrei nach Freiheit" Thema. Es ist ein "Tagebuch aus dem Inneren der syrischen Revolution". Samar Yazbek ist zu den Orten des Aufstands gefahren und beschreibt, was sie gesehen hat. Beide, sowohl der Christ Rafik Schami als auch die Alawitin Samar Yazbek" gehören syrischen Minderheiten an. Assad präsentierte sich in der Öffentlichkeit gerne als der Beschützer der Minderheiten, die unter der sunitischen Mehrheit (70 Prozent) entrechtet würden. Beide entlarvten diesen Minderheitenschutz als perfides System, Assads eigene Macht abzusichern. Auch die sunnitische Oberschicht profitierte von Assad. Stets wurden die Minderheiten gegeneinander ausgespielt, Mistrauen gesät und Koalitionen unmöglich gemacht.

Ihm sei im Exil vieles klarer geworden, sagt Rafik Schami. Hier in Europa könne man sich auf mehr Informationen stützen. In Zeiten der neuen Medien, könne kein Regime mehr von Fälschung sprechen. Zwölf Jahre habe die Nazidiktatur in Deutschland gedauert, die Folgen seien noch immer spürbar. Eine 40 Jahre dauernde Diktatur könne nicht mit Wahlen beseitigt werden, da brauche es mehr. Er wolle zur Versöhnung beitragen, wenn denn das jetzige System Vergangenheit sei. Ein Einmarsch fremder Truppen bedeute für das Land eine Katastrophe. Der Westen könne durch Aufwertung der Opposition deren Position verbessern. Den massiven Geldmitteln der Saudis müsse der Westen entgegentreten, um zu verhindern, das die politische Leere von den Islamisten gefüllt werde. Was beim Sturz des Sowjetregimes bestens funktioniert habe, funktioniere auch hier, gab sich Schami überzeugt. Er sehne sich nach seinen literarischen Figuren, doch könne er im Augenblick nur Essays schreiben. Zu nahe gingen ihm die Ereignisse in dem Land, aus dem er einst geflüchtet ist. Und das Lachen der Kinder tue ihm gut.

Autor: dw


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