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16. März 2010 07:38 Uhr

Sammlung Max Fischer

Die Staatsgalerie Stuttgart präsentiert ihren Zugewinn

"Brücke – Bauhaus – Blauer Reiter": Die Sammlung Max Fischer bereichert die Stuttgarter Staatsgalerie mit Dauerleihgaben – eine Ausstellung zeigt den Zugewinn

Der glanzvolle Zuwachs hat einen Grund und eine Vorgeschichte. Dass die Staatsgalerie Stuttgart die nicht eben sehr bekannte, dafür umso bedeutendere Sammlung Max Fischer von den Erben des Stuttgarter Unternehmers als Dauerleihgabe erhält, verdankt sich ganz wesentlich den gewachsenen Beziehungen, die Fischer (1886–1975) mit dem Ausstellungshaus verbanden. Kunstkenner wie der seinerzeitige Museumsdirektor Erwin Petermann oder Gunther Thiem, der Leiter der Graphischen Sammlung, standen dem Wachswarenfabrikanten bei geplanten Ankäufen häufig mit freundschaftlichem Rat zur Seite. Die wechselseitige Verbundenheit führte einmal sogar dazu, dass Fischer – "ungern, sehr ungern" zwar – bei einer Auktion zugunsten der Staatsgalerie auf ein höheres Gebot verzichtete. So gelangte Ernst Ludwig Kirchners Ölbild "Segelboote bei Grünau" bei der Versteigerung im Stuttgarter Kunstkabinett im Jahr 1949 für moderate 4000 Mark in den Besitz des Museums. Fischer versüßte sich den Verzicht, indem er die gleichnamige Farblithographie erwarb.

Beide Arbeiten sind jetzt in der Ausstellung "Brücke – Bauhaus – Blauer Reiter. Schätze der Sammlung Max Fischer" zu sehen. Mit 180 von über 250 Sammlungswerken bietet sie mehr als einen bloßen Querschnitt durch die Kollektion; den Exponaten hier und da beigegeben sind thematisch korrespondierende Werke aus dem Besitz der Staatsgalerie. Zu drei Vierteln besteht die Sammlung Fischer aus Arbeiten auf Papier; der Rest, immerhin rund sechzig Werke, sind Gemälde sowie, in geringer Zahl, Skulpturen. Gerade die Papierarbeiten ergänzen – nicht nur im Fall von Kirchners Farblithographie – die Bestände der Staatsgalerie aufs Glücklichste. Edvard Munchs Farbholzschnitt "Kopf bei Kopf (Mann und Weib sich küssend)" etwa findet in der Privatsammlung eine Ergänzung in einer der seltenen Frottagen, für die Munch den Holzstock mit farbigen Kreiden durchrieb.

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Neben einer ansehnlichen Gruppe von Munch-Grafiken setzt die Sammlung Schwerpunkte vor allem beim deutschen Expressionismus und bei Bauhaus-Künstlern. Schon als junger Mann, in den 1910er-Jahren, kaufte Fischer expressionistische Grafiken von Beckmann, Dix und Pechstein sowie Gemälde von Schlemmer, gleichzeitig auch gotische Tafeln und Skulpturen sowie Altmeistergrafik. Die Erwerbungen schmückten sein Wohnhaus in Stuttgart. Nach dem Krieg erweiterte er die Sammlung um Werke von Munch und Nolde, Kirchner und Heckel, Feininger und Jawlensky. Verkäufe schärften das Sammlungsprofil. Um Beckmanns Gemälde "Akademie I" erwerben zu können, veräußerte Fischer einen Großteil seines Ensembles von Grafiken Toulouse-Lautrecs und seine gesamte Dürer- sowie Altdorfer-Kollektion.

Auch Kandinskys Mappe "Kleine Welten" machte er zu Geld: Die Abstraktion war seine Sache letztlich nicht. "Ungegenständlich" mochte er für sich mit "unverbindlich" gleichsetzen, die Abstraktion als zu wenig aussagekräftig im Hinblick auf Fragen der Zeit wie in einem existenziellen Sinn ansehen. Beides scheint er dagegen bei Ernst Ludwig Kirchner gefunden zu haben, der mit über einhundert Werken der mit Abstand am besten vertretene Künstler ist.

Ein Ausweis von Fischers Gespür für Qualität und gleichzeitig aussagekräftig hinsichtlich seiner Erwartungen an die Kunst ist es, dass er sowohl den Kirchner der Großstadtszenen wie auch Werke aus der Davoser Zeit sammelte, die seinerzeit nicht sonderlich hoch im Kurs standen. Der frühe Kirchner mag ihm als Genius der Moderne mit ihrer Hektik und Zerrissenheit erschienen sein – der Maler der Davoser Bergwelt ihm, dem passionierten Bergsteiger, im Ausgleich dazu eine Bestätigung seines Verlangens geboten haben, der modernen Welt zeitweilig zu entfliehen: in der Suche nach Natur nicht nur, sondern nach einer verlorenen Natürlichkeit und Ursprungsnähe. Munchs Holzschnitt "Der Urmensch" verweist darauf, wie die Naturerhabenheit und der motivische Exotismus einiger Bilder und Blätter Noldes – Franz Marcs Tiersujets so gut wie Mackes farbleuchtendes Aquarell "Spaziergänger im Park", diese gestaltete Synthese von Menschenwelt und Natur.

Bemerkenswert in diesem Sinne ist auch die Präsenz der hohen Zahl von Strandszenen und Akten in der Natur. Sie stammen von Kirchner und Heckel – und von Otto Mueller. Dessen "Zigeunergruppe im Wald" verschmilzt nicht nur farblich mit Natur, und solche Naturexistenz scheint seine "Zigeunermadonna" bildlich gleichsam zu heiligen.


– Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30–32. Bis 20. Juni, Dienstag, Donnerstag 10–20 Uhr, Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag 10–18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz