Die Unschuld und die Pfunde verlieren

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Fr, 07. Dezember 2018

Literatur & Vorträge

Wolf Haas’ neuer Roman "Junger Mann" ist ein vergnügliches Road-Movie – und ein Blick zurück in seine Kindheit in den 1970er Jahren.

"Jetzt ist schon wieder was passiert" – diesen schönen, lakonisch dahingeworfenen Satz wird man im neuen, inzwischen zwölften Roman von Wolf Haas nicht lesen, denn dieser Satz ist ja für die Abenteuer des kauzigen, erfolglosen Privatdetektivs Simon Brenner reserviert. Und in "Junger Mann" geht es nun mal nicht um skurrile Kriminalfälle, sondern um die Abspeckbemühungen eines pummligen Internatsschülers, dessen lustiger Vater wegen der Trinkerei im Irrenhaus sitzt, dessen Mutter jeden im Dorf beleidigt und dessen älterer Bruder sich schon lange davon gemacht hat. Doch auch in diesem Buch fallen viele schöne Sätze und es passiert ziemlich viel – nicht nur, dass der Bub stolze fünfzehn Kilo und noch dazu seine Unschuld vor dem Leben verlieren wird.

Ölstand messen, tagträumen

Der Österreicher Haas, heute ein eher schlanker Mittfünfziger, führt seine Leser in eine vergangene Welt, in der Autos noch knallorange lackiert waren und man Cassetten abspielte, als nach Sendeschluss im Fernsehen brav die Nationalhymne abgespielt wurde, als man bei der Fotokamera den Film noch weiterdrehen musste und als noch überall gerne und viel geraucht wurde – selbst an Tankstellen. Just an einer solchen im deutsch-österreichischen Grenzgebiet verdient sich der dreizehnjährige Held der Geschichte – Ähnlichkeiten mit der Biographie des Autors werden überhaupt nicht geleugnet – in den Sommerferien ein paar Schilling dazu.

Tanken, Mücken von der Scheibe kratzen (ja, auch die gab es in den Siebzigern noch!), Ölstand messen, tagträumen. Hierher kommen die Urlauber, auch der Fahrer des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, der dort ein Ferienhaus hat, der lässige Lkw-Fahrer Tscho, der in den Iran fährt und für die Dorfjugend ein Vorbild ist, und eines Tages auch sie: die bildhübsche, zierliche Elsa, die ein bisschen zu reif und ein bisschen zu verheiratet für den jungen Tankwart ist.

Die Schwärmerei. Die Frau, das für einen so jungen Mann so unbekannte Wesen. "Niemand sprach einen schöneren Dialekt als wie sie. Nicht, weil sie aus dem übernächsten Nachbardorf war, sondern es war ihre ganz eigene Art, die niemand anderer hatte. So wie das Coca-Cola nach der geheimen Coca-Cola-Rezeptur hergestellt wurde und so wie ich das Zweitaktgemisch immer exakt 1 zu 25 mischte, nicht 1 zu 24 oder zu 26, war der einzigartige Elsa-Dialekt nach einer speziellen Formel gemischt, die ich erst entschlüsseln musste. Aber wie beim Coca-Cola war das wahrscheinlich unmöglich", schreibt Haas. Wie immer zeigt er auch in diesem Roman ein Faible für Themen des Alltags, wie immer orientiert sich der promovierte Linguist beim Schreiben an der gesprochenen Sprache, und wie immer reißt er die Leser damit mit.

Ausgerechnet mit dem Tscho ist die Elsa zusammen, aber der ist ja oft weg. Und wenn die Pfunde purzeln und das mit dem Kalorienzählen funktioniert, dann sollte doch was gehen in Sachen erster Liebe. Das jedenfalls ist das pubertäre Kalkül. Doch es kommt halt immer anders, als es sich Dreizehnjährige erträumen. Irgendwann ist der verhinderte Don Juan mit dem Tscho in dessen Scania auf dem Weg nach Griechenland.

Sie halten in Fernfahrerbordellen und am Strand, sie machen Pinkelpausen am Straßenrand und sinnieren dabei über den Gott und darüber, was nach dem Leben so kommen mag. Doch der Bub hat Angst vor dem Tscho wegen der Elsa – und diese scharfe Pistole in der Kabine entspannt ihn nicht wirklich. In Triest bei einer Pizza (Millionen Kalorien, zählt der Bub), da passiert dann wirklich was.

Eine Reise nach Griechenland und auch zu sich selbst sei der Roman gewesen, sagte Wolf Haas in einem Interview mit dem Literaturkritiker Denis Scheck. Vieles an seiner Kindheit in Maria Alm sei ja schließlich nett gewesen, und es bedeute nicht automatisch Qualität, wenn man sich den tristen Seiten zuwende.

Womit er Recht hat. "Junger Mann" ist kein komplex durchkomponiertes Werk – auch das kann einer wie Wolf Haas –, sondern eine vergnügliche und erfrischende Geschichte über das Erwachsenwerden.

Wolf Haas: Junger Mann. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018. 240 Seiten, 22 Euro.
Lesung: Montag, 10. Dezember, um
20 Uhr im Freiburger E-Werk.