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25. September 2011 19:52 Uhr
Simon Solberg inszeniert Ibsens Satire in Basel
Die Volksfeinde sind mitten unter uns
Ab der nächsten Spielzeit wird er als Hausregisseur Teil des neuen Schauspielleitungsteams am Theater Basel sein. Jetzt bringt der 32-jährige Bonner Simon Solberg Ibsens böse Satire "Ein Volksfeind" ins Basler Schauspielhaus.
Quietschgrüne Plastikeimer, Luftmatratzen, Plantschbecken, bunte Handtücher in Stapeln und eine knallrosa Krawatte: Da fürchtet man schon, nun sei auch Simon Solberg ins Lager der Spaßregisseure und Kindergeburtstagsarrangeure übergewechselt. Doch weit gefehlt: Der 32-jährige Bonner, der ab der nächsten Spielzeit als Hausregisseur Teil des neuen Schauspielleitungsteams am Theater Basel sein wird, bleibt sich auch in seiner dritten Basler Inszenierung treu: Nach Schillers "Die Räuber" und Max Frischs "Graf Öderland", diesen beiden Dramen um terroristische Rächer an einer Gesellschaft, die moralische Werte wie Gerechtigkeit und Wahrheit mit Füßen tritt, hat sich Simon Solberg – durchaus folgerichtig – Henrik Ibsens böse Satire "Ein Volksfeind" vorgenommen, die Ibsen im Jahr 1888 als Reaktion auf die verheerende Aufnahme seines Dramas "Gespenster" verfasst hatte.
Und es ist ganz und gar verblüffend, wie frisch, wie unverbraucht und aktuell Ibsens ätzende Polemik gegen die öffentliche Meinung in Solbergs beherztem Zugriff auf das Stück – in Zusammenarbeit mit seinem Dramaturgen Ole Georg Graf hat er den Fünfakter auf eine schmale Fassung von einer Stunde und 15 Minuten gebracht – daherkommt. Oder sollte man sagen: -schwimmt? Denn der Angelpunkt der gesellschaftlichen Intrige ist das mit Schadstoffen hoch belastete (früher sagte man: vergiftete) Wasser in einem aufstrebenden Badeort. Diesen vertritt Bürgermeister Peter Stockmann, bei dem fabelhaft wandlungsfähigen Martin Hug ein Global Player im Bonsaiformat. Mit neoliberal zurückgegelter Frisur und dezenter Brille hält er zu Beginn eine urkomische Rede in zwei Sprachen, von denen die eine nur so tut, als sei sie eine, wenn sich die Gemeinde im Upwind befindet und auch für die Cranks alles getan wird, damit sie gesunden.
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Dass der Mann mit seinem Lobgesang auf Wettbewerb und Investoren nicht so ganz konform geht mit dem, was der Fall ist im Kurort, ahnt man beim Anblick des tristen Wassertümpels mit seiner schäbiggrauen Einfassung, den die Bühnenbildnerin Maren Greinke auf die ansonsten leere Bühne des Schauspielhauses gesetzt hat. In Stockmanns Schwester Katrin, die bei Ibsen ein Bruder ist, naht auch schon das Unheil: sprich die investigative Kraft, die das Lügengebäude der schönen neuen Badewelt zum Einsturz bringen will. Die Ärztin ist nicht nur eine unbestechliche Wissenschaftlerin, die die Verseuchung des Wassers im Labor einwandfrei nachgewiesen hat. Sie ist auch, als Ibsens Alter Ego, eine begnadete Schreiberin, die in der örtlichen Zeitung, dem "Volksboten", einen flammenden Artikel über ihre Entdeckung veröffentlichen will. Inga Eickemeier nimmt sich dieser Unbeugsamen mit Hingabe an – und wenn dieser "Volksfeind" über das Typenhafte der Groteske hinausreicht, ist das ziemlich allein ihr Verdienst.
Die lässige Sicherheit, im Besitz der Wahrheit zu sein, das Staunen über die Vertuschungsmanöver des Bruders; das Entsetzen über den Wankelmut der vorher so brusttonüberzeugten Aufklärer aus Medien und Mittelstand, die nach einem populistischen Vorstoß des Bürgermeisters ganz schnell die Seite wechseln; die wachsende Verzweiflung, als die eigene Familie mit Repressionen überzogen wird; der an Wahnsinn grenzende Starrsinn, mit dem Frau Dr. Stockmann auf den unerträglich gewordenen Druck reagiert: Inga Eickemeier schafft es, den Zuschauer zum Sympathisanten der Radikalisierung dieser Kämpferin gegen Verlogenheit und Opportunismus zu machen.
Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Solberg sie eine idealistische Aktivistin von heute sein lässt, ohne dass das je aufgesetzt wirkt. Der sarkastische Blick des Stücks auf die Pressefreiheit ("Ich bin nur der Besitzer der Zeitung. Ich habe nichts zu sagen"; "Die Abonnenten bestimmen über die Zeitung") wird im Publikum mit wissendem Lachen quittiert: Ob hier der "Volksbote" gemeint ist oder die seit Monaten von Querelen um die Richtung des Blattes erschütterte "Basler Zeitung": Dass man das nicht unterscheiden kann (und nicht will), ist ein starkes Argument für Solbergs politisches Theater, für das sich Unterhaltung und Botschaft so wenig ausschließen wie Ernst und Spielerei.
Die Spielerei hat in dieser Inszenierung sehr viel von einem kindlichem Spiel – das mit der Naivität der Unschuld gegen die Phalanx der Mächtigen anrennt. Solberg führt vor, was mit einer Reduktion der Mittel erreicht werden kann: Die bunten Kurbadhandtücher sind Briefe, sind Plakate mit eingestickten Slogans, sind Bettdecken, unter denen es sich aufrecht schlafen lässt, hängen als Botschaft an der Wand und decken das Überlebenszelt der Gefeuerten ("Als Angestellter hast du kein Recht auf eine eigene Überzeugung"). Drei Paar Beine führen hinter einer aufgestellten Matratze ein Luftballett auf, hinter dem jedes Synchronschwimmen verblasst. Am schönsten gelingt die Verkleinerung angeblich komplexer Zusammenhänge auf das menschliche Maß, wenn Inga Eickemeier wie in einer Folge der "Sendung mit der Maus" ("Das ist Peter") mit Hilfe von drei Plastikschweinen und einem Stiefel Kapitalismus, Globalisierung und Schuldenkrise erklärt. Da kann man sich manche Talkshownebelkerzen sparen.
– Weitere Aufführungen: 28. und 30. September sowie 8., 10., 11., 14., 17., 19., 20., 24. und 28. Oktober, jeweils 20 Uhr. Tel. 0041/61/2951133.
Autor: Bettina Schulte
