Die Zukunft ist weiblich

Bettina Schulte/Alexander Dick

Von Bettina Schulte & Alexander Dick

Mo, 03. September 2018

Theater

Vier neue Spartenleiter und ein Jubiläum zum 300-jährigen Bestehen: Die Spielpläne der baden-württembergischen Theater Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim.

Nicht nur die Schulferien gehen in die Schlussrunde, auch das Ende der spielfreien Zeit an den Theatern im Südwesten steht bevor: ein kleiner Ausblick auf die Höhepunkte in Schauspiel und Oper der Saison 2018/19 an den Häusern in Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart.

Stuttgart

Schauspiel. Ein neuer Intendant tritt an: Burkhard C. Kosminski, zuvor Schauspieldirektor in Mannheim, tritt die Nachfolge des im Schwabenland glücklosen Armin Petras an. Kosminski hat sich einen Namen als Förderer von Ur- und deutschen Erstaufführungen gemacht. Mit einer solchen legt er am 16. November los: Wajdi Mouawads modernes Märchen "Vögel". Des weiteren stehen vier Uraufführungen an: Eine gilt Nis-Momme Stockmann ("Hey"), eine andere Clemnes J. Setz ("Die Abweichungen"). Viel Klassisches bringt der Neue: Die Orestie (nach Aischylos) ist dabei, Shakespeares "Romeo und Julia", Hauptmanns "Die Weber", Grillparzers "Medea", Molières "Menschenfeind", Ibsens "Wildente", Lorcas "Bernarda Albas Haus" und Dürrenmatts "Die Physiker".
Oper. In der Staatsoper, deren Generalsanierung sich ins nächste Jahrzehnt verschiebt, beginnt ein neues Zeitalter: Viktor Schoner, Bratscher und zuletzt Künstlerischer Betriebsdirektor an der Bayerischen Staatsoper, übernimmt in der Nachfolge Jossi Wielers die Intendanz; Cornelius Meister, dessen Karriere als Kapellmeister kometenhaft in Heidelberg begann, beerbt Sylvain Cambreling als Generalmusikdirektor. Er gibt zum Saisonauftakt seine künstlerische Visitenkarte ab – mit Richard Wagners "Lohengrin" (29.9.). Auch wenn es darin um ein Frageverbot geht, stellt die Oper alle Premieren unter eine Leitfrage. Hier lautet sie: Woher kommst du? Für den Regisseur Arpád Schilling lässt sie sich beantworten: Der gebürtige Ungar prägte maßgeblich das innovative Theater in seiner Heimat. In der Titelpartie ist Michael König zu erleben, Okka von der Damerau, Absolventin der Freiburger Musikhochschule, wird die Ortrud singen. Weitere wichtige Premieren: Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" und Henzes "Prinz von Homburg" unter der Regie von Stephan Kimmig.

Karlsruhe

Oper. Ein rundes Datum und eine bevorstehende Generalsanierung: Am Badischen Staatstheater blickt man in der neuen Spielzeit ebenso zurück wie nach vorn. Vor 300 Jahren wurde das Hoftheater gegründet und ist damit genauso alt wie die einstige Residenzstadt. Der 1975 eröffnete neue Theaterbau am Ettlinger Tor wird – voraussichtlich – von 2020 an ein ganzes Jahrzehnt lang saniert und erweitert. Die Jubiläumsspielzeit unter dem Motto "Von Zukunft" läutet die deutsche Nationaloper ein – Webers "Freischütz" (13.10.), interpretiert von der Gewinnerin des renommierten Grazer Regiepreises Riong Award Verena Stoiber. Am Pult steht der gebürtige Freiburger Johannes Willig. In Gemeinschaftsproduktion mit dem Cleveland Orchestra gibt es Janáceks "Schlaues Füchslein", inszeniert von Yuval Sharon, der beim neuen Bayreuther "Lohengrin" Regie führte. Generalmusikdirektor Justin Brown dirigiert. Weitere Neuinszenierungen: Strauss’ "Elektra", "Serse" (Regie: Max Emanuel Cencic) zu den Händel-Festspielen, Gaëtano Donizettis "Roberto Devereux", Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" (Dirigent: Constantin Trinks) und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" in der Regie von Benjamin Lazar.
Schauspiel. "Die Zukunft ist weiblich", schreibt die neue Schauspieldirektorin Anna Bergmann im Editorial des Spielzeithefts. Konkreter: "Die Erde wird von Frauen beherrscht werden, weibliche Lebenseinstellungen werden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dominieren" – so der schwedische Naturwissenschaftler Arne Jernelöv in einem Artikel für die Zeitschrift des schwedischen Instituts für Zukunftsforschung. Bergmann nimmt diese Prognose wörtlich: Sie ruft für ihre Sparte "Female Power" aus und hat für die Jubiläumsspielzeit ausschließlich Regisseurinnen engagiert. Sie beginnt programmatisch mit "Nora, Hedda und ihre Schwestern", einer Ibsen-Überschreibung von Ulrike Syha, Regie führt die Chefin selbst (30.9.). Bergmann inszeniert auch "Szenen einer Ehe" nach dem Film von Ingmar Bergman und "The Broken Circle", ein Drama als Country-Konzert mit einer vierköpfigen Band. Außerdem zu sehen: Shakespeaeres Komödie "Viel Lärm um nichts", Elfriede Jelineks Weißer-Mann-am-Abgrund-Drama "Am Königsweg", "Iphigenie" von Goethe und "Apokalypse Baby" nach dem Roman von Virginie Despentes.

Mannheim

Schauspiel. Auch Mannheim hat einen neuen Schauspiel-Intendanten. Christian Holtzhauer übernimmt von Burkhard C. Kosminski. Er setzt auf "Vielstimmigkeit, Offenheit und Durchlässigkeit" – als Antidotum zur gesellschaftlichen Tendenz, sich in die eigenen Resonanzräume zurückzuziehen. Christian Weise übernimmt mit Schillers "Die Räuber" die Eröffnungspremiere (28.9.) Lukas Bärfuss lässt den "Elefantengeist" aus der Flasche: Der Schweizer hat sich im Auftrag des Nationaltheaters mit dem Riesen aus Oggersheim, Helmut Kohl, beschäftigt. Auch in Mannheim steht die "Orestie" auf dem Spielplan, hier in einer Überschreibung von Necati Öziri. Das geht als Uraufführung durch. Einige Romanbearbeitungen sind geplant: Hesses "Der Steppenwolf", Bölls "Ansichten eines Clowns", Stanisics "Wie der Soldat das Grammofon repariert", Ferrantes "Meine geniale Freundin" sind dabei. Der Neue probiert neue Formate aus: Es gibt einen Parcours auf dem Theatervorplatz, eine Rap-Oper, eine Videoinstallation und einen Stadtspaziergang. Die Mannheimer veranstalten aus naheliegenden Gründen jährlich Schillertage. Diesmal richtet Claudia Bauer das Königinnendrama "Maria Stuart" ein. Female Power auch das.
Oper. Der Jubilar Claude Debussy (100. Geburtstag) ist begehrt: Basel, Freiburg, Straßburg, Karlsruhe – alle haben eine Neuinszenierung von "Pelléas et Mélisande" im Programm. Und Mannheim. Dort wird, in Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin, deren Intendant Barrie Kosky sich dieses Meisterwerks annehmen; Generalmusikdirektor Alexander Soddy dirigiert. "Nationalopern und Opernnationen" lautet das Leitmotiv der Saison, und eine Oper von wichtiger politischer Bedeutung für Deutschland steht am Beginn: Wagners "Meistersinger" (28.10.). Der Brite Nigel Lowery, bekannt für seine unorthodoxen Interpretationen, inszeniert, Alexander Soddy dirigiert. Der Weg durch die europäische Opernlandschaft führt mit einer szenischen "Marienvesper" (Regie: Calixto Bieito) und Verdis "Troubadour" auch nach Italien. Neugierig macht eine Ausgrabung: Edgar Allan Poes "House of Usher" mit der Musik Debussys, rekonstruiert von Robert Orledge. Regie führt Anna Viebrock.

Infos und Termine unter http://www.staatstheater-stuttgart.de www.staatstheater.karlsruhe.de http://www.nationaltheater-mannheim.de