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23. November 2010

Die Zuverlässigkeit der Unruhe

Die Literatur war sein Leben, Verschwiegenheit seine stärkste Kraft: Zum Tod des Lyrikers Walter Helmut Fritz.

  1. Walter Helmut Fritz Foto: dpa

Als 1956 seine ersten Gedichte erschienen, "Achtsam sein", schrieb Karl Krolow: "Walter Helmut Fritz, Jahrgang 1929, ein junger Philologe, ist in den Gedichten, die er vorlegt, von jener behutsamen Art, die jenseits der in der Luft liegenden Etikettierungen angesiedelt ist. Seine Verse kleiden sich – auf den ersten Blick – in Unauffälligkeit, um später wie Jericho-Rosen überraschend aufzublühen. Sein Talent besticht durch nichts als die Redlichkeit der Verhaltenheit."

Krolows Charakteristik hat sich ein halbes Jahrhundert bewährt. Dieser Dichter lag nie in der Luft, aber er war auch nie nicht da. Es war wie ein Gespräch mit ihm: Man konnte einen langen Abend zusammen verbringen, an dem er nur wenige Sätze sagte, und hatte doch ein intensives Gespräch mit ihm geführt. Es gibt vier Romane von seiner Hand, sein letzter, der Heidelbergroman "Bevor uns Hören und Sehen vergeht" (1975), fand entschieden Beachtung. Es gibt ein Hörspiel ("Er ist da, er ist nicht da"), sogar ein Schauspiel ("Besucher"), Aufsätze über französische Autoren, von denen er sich anregen ließ. Liebhaber der Literatur sollten keinesfalls übergehen, was er in Vorträgen über Eduard Mörike oder die Liebesgedichte des "West-Östlichen Divan" gesagt hat. Seit seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr liegt das von Matthias Kußmann in drei Bänden herausgegebene Gesamtwerk bei Hoffmann und Campe vor.

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Walter Helmut Fritz wurde in Karlsruhe geboren, studierte in Heidelberg und hat nach dem Studium in seiner Heimatstadt gelebt, gearbeitet und geschrieben. 2006 erlitt er einen schweren Schlaganfall und zog nach Heidelberg um, wo er unter liebevoller Pflege, umgeben von Musik und vorgelesener Dichtung, die letzten Jahre "glücklich", wie er oftmals sagte, zugebracht hat. Seinen Beruf, zuerst als Gymnasiallehrer, dann als Literaturdozent an der Technischen Universität Karlsruhe, hat er so anregend und unauffällig wie möglich wahrgenommen.

Die Literatur war sein Leben, sein Hauptwerk das Gedicht. Es entspringt der Achtsamkeit, zu der er sich von Anfang an verpflichtet hat. Schon die Titel der Gedichtbücher lassen erkennen, dass, wie die Unruh im mechanischen Uhrwerk, Unruhe die Triebfeder seiner Lyrik war: "Bild und Zeichen", "Die Zuverlässigkeit der Unruhe", "Schwierige Überfahrt", "Wunschtraum Albtraum", "Immer einfacher immer schwieriger", "Die Schlüssel sind vertauscht", "Zugelassen im Leben". Er war ein Augenmensch, nicht nur das lebendige Draußen, auch die kristallisierte Kunst wurde zum Anlass, er verfasste Prosaminiaturen über Werke Paul Klees, entdeckte den Straßburger Sebastian Stosskopf, schrieb ein Gedicht auf Morandi, das Franz Armin Morats Freiburger Werkausgabe von 1979 einleitet: "Die Stille nimmt/ den Umriß einer Schale an ..." Leise Kühnheit war seine Sache – "Eine leuchtende Wolke, die Wurzeln schlägt" – und Dankbarkeit ein Grundzug. Verschwiegenheit war seine stärkste Kraft. Am Samstag ist Walter Helmut Fritz in Heidelberg gestorben.

Autor: Uwe Pörksen