BZ-Porträt

Dirk Steffens eröffnet die Mundologia in Freiburg

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 02. Februar 2017 um 00:01 Uhr

Kultur

Er versteht Ironie. In Freiburg komme seine Botschaft offenbar so gut an, sei das Publikum so interessiert und sensibilisiert, dass er seinen Vortrag zum Auftakt des Mundologia-Festivals gleich zweimal halten muss.

Ob es nicht besser gewesen sei, frage ich Dirk Steffens, wenn er sich sein Auditorium anderswo gesucht hätte. Wo man es nötiger habe. Zum Beispiel im Weißen Haus. Dirk Steffens ist Journalist, Medienprofi. Und so retourniert er den Aufschlag mit der Vorhand – und einem Lachen: Ja, auf der Homepage des Weißen Hauses habe sich der Suchbegriff "Klimawandel" kurz nach Donald Trumps Amtsübernahme nicht mehr gefunden. "Ich kann zufrieden sein und diese Problematik von meiner Liste streichen. Sie existiert offenbar nicht mehr."

Wenn die Sache nicht so ernst und traurig wäre, man könnte in der Tat herzhaft darüber lachen. Aber dafür ist dem 49-Jährigen seine Mission zu wichtig. Der Moderator, Dokumentarfilmer und Produzent vieler Reportagen ist dem breiten Publikum vor allem durch seine engagierten Beiträge und Moderationen für das ZDF-Magazin "TerraX" bekannt. Er will mit seinen Informationen wachrütteln, denn es geht um die Zukunft dieses Planeten. Und die sieht nicht nur er in Gefahr. Weshalb er sich auch freut, dass die Freiburger Festivalmacher ihm die Carte blanche für die Eröffnung gegeben haben im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, deren Gros aus Reise- und Naturreportagen besteht. "Wir leben über unsere Verhältnisse und verbrauchen von allem zu viel", lautet die Quintessenz seines "Living Planet"-Vortrags. Der basiert auf den Ergebnissen des aktuellen "Living Planet Reports" des World Wide Fund for Nature" (WWF). "Die Dimensionen menschlichen Handelns sprengen seit Mitte des 20. Jahrhunderts alle vorhergesehenen Grenzen", heißt es dort gleich am Anfang. Mit gravierenden Folgen.

Eine davon liegt dem studierten Historiker und Politologen Steffens besonders am Herzen: die immense Reduktion der Artenvielfalt. Die vom WWF untersuchten Wildtierbestände seien erheblich geschrumpft und würden bis 2020 um durchschnittlich 67 Prozent abnehmen. In den vergangenen 40 Jahren habe sich die Anzahl der untersuchten Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische halbiert – das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier. Dem Einwand, dass es immer wieder Artensterben auf der Erde gegeben habe, begegnet Steffens ganz offensiv. "Ja, es gab insgesamt fünf große Artensterben auf diesem Planeten. Eines zum Beispiel ausgelöst durch einen Meteoriteneinschlag." Beim mutmaßlich nächsten möchte er nicht mit von der Partie sein. Denn dieses sei insbesondere durch die Einwirkung des Menschen veranlasst – mit nicht absehbaren Folgen für dessen weitere Existenz.

"Dokumentarfilme sind

noch nicht in der Mitte der

Gesellschaft angekommen."

Auf meine Frage, ob es angesichts all der vom WWF konstatierten Bedrohungen – Klimawandel, Umweltverschmutzung, Artensterben – nicht mehr fünf vor sondern längst fünf nach zwölf sei, setzt Steffens noch eins drauf. Wahrscheinlich sei es sogar schon später. "Es gibt Wissenschaftler, die die Überlebenschancen der Menschheit bei nur noch 20 Prozent sehen." Und dann kommt der Optimist in ihm zum Vorschein. Diese 20 Prozent seien eine Chance. "Ich habe mein Leben lang nichts anderes gemacht als Journalismus." Also: Fakten recherchieren und informieren. Und das sei auch hier sein Anliegen. "Wir können täglich unser Verhalten ändern", lautet seine schlichte Botschaft. Und dann erzählt er mir von seiner guten Freundin, der berühmten britischen Schimpansen-Forscherin Jane Goodall. Sie habe ihm neulich bei einer Begegnung erzählt, dass sie die Seifen von ihren Hotelaufenthalten längst sammle und weiter verwende. Er tue es ihr gleich. Nur eine winzige Aktion. Aber wenn Milliarden von Menschen das gleiche Bewusstsein des Ressourcen-Schonens entwickelten...

Das provoziert eine Gegenfrage. Wenn die neue Regierung der führenden westlichen Macht USA den Klimawandel oder dessen Folgen negiert, wie solle da ein umfassendes Umdenken erreicht werden? Steffens Antwort: "Durch einen Wettbewerb der Überzeugungskraft." Und der sei überall nötig. Denn auch hierzulande seien politische Kräfte am Werk, die Dinge aus dem Gesamtkontext lösten – Stichwort: alternative Fakten: "Die AfD spricht in ihrem Wahlprogramm von einer positiven Wirkung des CO2 auf das Pflanzenwachstum und damit auf die Welternährung." Das sei für sich gesehen nicht falsch. Doch die möglichen Wachstumsgewinne würden durch andere, fatalere Folgen des Klimawandels beispielsweise eher zunichtegemacht.

Seit September ist Steffens "UN-Dekade-Botschafter für biologische Vielfalt". Ob ihm das mehr Autorität gebe? "Es ist zunächst nur ein Titel." Aber er hofft, dass er vor vielen sprechen kann, vielleicht eines Tages vor der UN-Vollversammlung, so wie sein berühmter Botschafter-Kollege Leonardo DiCaprio. Steter Tropfen höhlt irgendwann auch den größten Fels. Mit seiner Arbeit für die "TerraX"-Dokumentationsreihe verhält es sich nicht anders. Aufklärung tut not.

Eine letzte Frage muss ich ihm noch stellen, die mir die Biologen-Ehefrau als Hausaufgabe mit auf den Weg gegeben hat: Warum eigentlich müssen Naturfilme immer noch so oft mit einer pseudoromantischen Prosa unterlegt sein? Wenn Meister Adebar wieder mal an die Familiengründung denkt, sei das doch ganz nahe am Kitsch. "Ihre Frau hat vollkommen recht", antwortet Steffens. Auch ihn ärgere diese Verharmlosung in den Texten im Sinne seichter Sonntagsunterhaltung. "In meinen Filmen werden Sie so etwas nicht finden." Im Übrigen unterstreiche das nur eines: "Natur- und Dokumentarfilme sind noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

Dirk Steffens: "Living Planet" (Vortrag),
Freiburg, Konzerthaus, Fr, 3. Feb., 16.30 Uhr, 20 Uhr (ausverkauft). Alle Mundologia-Veranstaltungen und -Tickets im Überblick: bz-ticket.de/mundologia-tickets