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10. Februar 2012
Ein Bahnhof für die Ohren
Zehn Jahre Gare du Nord: ein Glücksfall für die zeitgenössische Musik.
Die Fakten beweisen es: 2002 fing es an, zwei junge Frauen, die Schauspielerin Desirée Meiser und die Musikdramaturgin Ute Haferburg, informierten die Presse über ihr Vorhaben, in den Räumen der ehemaligen Erst- und Zweitklassbuffets des Badischen Bahnhofs einen "Bahnhof für neue Musik" zu etablieren, dem irgendwann einer den schönen Namen "Gare du Nord" gab. Skeptische Nachfragen, ob das in einer Stadt wie Basel, in der kein Mangel an Konzerten ist, wohl glücken könne, beantworteten die beiden mit unsicheren Blicken und einem Lächeln, in dem alle vagen Wünsche sich in mutige Hoffnung verwandelten. Verhandlungen mit der Deutschen Bahn wegen eines Mietvertrages verliefen erfolgreich, und abgesichert fürs erste durch finanzielle Zusagen des Kantons Basel-Landschaft und der GGG wagten Meiser und Haferburg den Start im Vertrauen auf die Neuheit und Attraktivität ihrer monatlichen Programme, auf das Können der einzuladenden Musiker und das einzigartige Ambiente des Ortes. Am 22. Februar 2002 fand die erste Vorstellung mit der Uraufführung von "Paradiso" für Sprecherin und Streichquartett von Sidney Corbett statt. Ihr sollten mehr als 1000 weitere Konzerte folgen…
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Dass in den zehn Jahren sich fast nichts räumlich verändert hat, ist dem "knappen Geld" geschuldet, das sich hier als segensreich erwies, denn an eine aufwendige Sanierung weder des Konzertsaales noch der "Bar du Nord" war nicht zu denken, und so blieb der Charme des Unfertigen erhalten, in der "Bar" die Kargheit alter Wartesäle und im Konzertsaal, etwa in Gestalt des anderswo ausrangierten alten Kinogestühls, der Verzicht auf alles Modisch-Schicke. Anders gesagt: Hier ist der genau richtige Ort für zeitgenössische Musik, die sich versuchsweise ihren Zuhörern nähert und als unabgeschlossenes Experiment verstanden sein will. Was andernorts eben nicht mehr möglich ist, hier wird es Wirklichkeit: Musik als Spiel, als Kunst, die sich erprobt und dabei ihre Zuhörer ebenfalls auf die Probe stellt.
Zehn Jahre Gare du Nord, das ist zum einen der Glücksfall für Menschen, die der zeitgenössischen Musik gegenüber aufgeschlossen sind und zum andern auch für die Musikstadt Basel, die sich als vitalste Stadt der Schweiz positionieren kann. Doch es ist auch eine permanente Überraschung, denn hier wurde und wird kompromisslos das Ungewohnte gewagt, inklusive des Risikos, miss- oder nicht verstanden zu werden. Bei allem Charme des Ortes, hier gibt es kein leichtes Hören, denn hier wird Hören zum Horchen, zum Aufmerken, zum Versuchen des Verstehens. Das ist bei zeitgenössischen Kompositionen oftmals schwierig, gelegentlich sogar unmöglich. Von den geschätzt vierhundert Konzerten, die ich in den zehn Jahren in der Gare gehört habe, habe ich die meisten vergessen und dennoch spüre ich in mir die gefühlte Gewissheit, dass die zeitgenössische Musik lebendiger ist als ihre Verächter meinen. Dafür sorgten die Ensembles, die hier spielten, allen voran Jürg Hennebergers "Ensemble Phoenix Basel", das seit einigen Jahren "Ensemble in Residence" ist. Wer hier Musik macht, ob mondrian ensemble, Klangforum Wien, Arditti Quartet, ensemble contemporain Paris oder ensemble recherche Freiburg – um nur einige Namen zu nennen – gehört zu den bedeutenden Interpreten der zeitgenössischen Musikwelt. Für die Produktivität des Bahnhofs sprechen nicht nur die vielen Uraufführungen, sondern auch die zwölf Eigenproduktionen, von denen einige, wie zuletzt die Kammeroper "Nacht" von Georg Friedrich Haas und Mela Meierhans’ beide Jenseitsreigen "Rithaa" und "Tante Hänsi" überregionale Beachtung fanden. Doch dieser Rückblick wäre unvollständig ohne Erwähnung der Nebenbahnhöfe "Gare des enfants" mit dem von Silwia Zytynska entwickelten und mehrfach ausgezeichneten Kinderprogramm und Bruno Zihlmanns "Bar du Nord", von der zu sagen ist, dass es weit und breit keine vergleichbare Beiz gibt. Hier bei einem Roten das nebenan soeben Gehörte sich setzen zu lassen, ist willkommene "Hörerpflicht".
GEBURTSTAGSPROGRAMM
Am Samstag, 11. Februar, feiert der Gare du Nord den 10. Geburtstag, und zwar mit allen, die ihm verbunden sind. Das Surprise-Programm beginnt um 18. 30 Uhr mit einem Apéro riche und der Moderation von Klaus Brömmelmeier; um 22 Uhr gibt’s ein Konzert: Tango Crash meets BOWW Tribal Poetry mit Daniel Almada (Klav), Martin Iannaccone (Vc, Voice), Gregor Hilbe (Slz), Sky 189 (Voice), Christian Gerber (Bandoneon), Martin Klingeberg (Trp), Volker "voux" Böhm (Elektronik). Um 24 Uhr folgt dann ein Late Night Konzert: Zlang Zlut mit Fran Lorkovic (Slz, Voice), Beat Schneider (Vc) und DJ Ice Cream.
Autor: BZ
Autor: Nikolaus Cybinski


