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30. November 2009
Ein bearbeiteter Hochkulturklotz
Von der Oper zum Kammerspiel: "Fidelio" an der Kammerbühne des Theaters Freiburg
Kann man eine Oper mit nur zwei Schauspielern, zwei Sängern und einem Pianisten aufführen? Und dann noch Beethovens "Fidelio", landläufig also eher eine Superlativoper à la "größte Herausforderungen des Musiktheaters", die auch noch aufs Format der Kammerbühne, des kleinsten Spielorts des Theater Freiburg geschrumpft werden muss? Regisseur Bo Wiget kann. Zwar hat auch er einen Superlativ für Fidelio parat – "europäischste aller Heldenopern" –, nimmt sie aber lieber als "Hochkulturklotz", an dem er mit feinstem Meißel zu werkeln versteht.
Die Leitfrage für die Ziselierarbeiten gibt schon der Spielort vor. Auch in dieser Saison ist die Kammerbühne das Labor zur Erforschung unserer "Festung Europa". Was ist das für ein Kontinent, in dem ein Werk wie "Fidelio" als Weihefest des pathetischen Kampfes für seine angeblichen inneren Werte von Freiheit und Liebe gefeiert wird? Bühnenbildnerin Birgit Holzwarth findet ein starkes Eröffnungsbild dafür: Sessel, Stühle, Klavier und Mitwirkende befinden sich unter transparenten Abdeckfolien. Deren Funktion ist doppeldeutig und changiert zwischen der Malerplane der Renovierer und dem Schutzüberzug der Konservatoren – Europa zwischen Erneuern und Bewahren. Unter der Plane erklingt der Chor der Gefangenen "Oh, welche Lust". Die Akteure treten darunter hervor und schauen sich verwundert um, bevor sie in die Rollen von Jacquino/Don Pizzaro (Frank Albrecht), Leonore/Fidelio (Uta Krause), Marzelline (Kristina Schaum), Rocco (Marcelo de Souza-Felix) und Pianist (Nikolaus Reinke) schlüpfen. Wie entlassene Langzeithäftlinge oder Menschen aus Platos Höhlengleichnis dürfen sie gleichsam einen Blick von draußen auf ihre Behausung, die Festung Europa werfen.
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Es ist der fremde Blick des Ethnologen gepaart mit der Verpflichtung, sich in das vorgefundene Setting wie in eine Familienaufstellung hineinzubegeben. Heraus kommt jedoch kein individualpsychologischer Hokuspokus, sondern ein anrührender, komischer und kluger Blick auf die seltsame Lust von Europäern, sich in treuer Liebe zu etwas Unerreichbarem zu verzehren. Sich in einer Logik von Ausschließen, Einschließen und Aufschließen auf des Messers Schneide zwischen Tod und unvermittelt hereinbrechendem Heil durch eine Führergestalt einzurichten. Warum machen wir das? Ein Warum, das auch immer wieder vor allem über das Gesicht von Uta Krauses Fidelio huscht, ein unausgesprochenes: Was singe ich hier eigentlich, was macht das Setting hier mit mir?
Das ist witzig, etwa wenn sie in ihrer Hilflosigkeit das Notausgangmännchen gibt. Aber es ist eine Komik, die sich nicht vom unbestreitbar emotionalen Sog der Musik distanziert. Gerade die brüchigen Nicht-Opernstimmen der Schauspieler Krause und Albrecht verdeutlichen die Zerrissenheit ihrer Rollen. Bei Fidelio die zerreißende Doppelrolle, bei Jacquino/Don Pizzaro die Zerfressenheit von Eifersucht und Macht. Während sich Marzelline und Rocco ihre Rolle als Wärter und Verwalter der Sachzwänge mit viel Mitgefühl schön singen.
Das unter solchen Vorzeichen das zu Befreiende in Person des Florestan in dieser Inszenierung nicht mehr existiert – besser: nur aus einem Plattenspieler herüberschallt, ist folgerichtig. Was ist denn das Elysium, zu dem uns unsere Hymne wie auch die Befreiungsoper desselben Komponisten befreien möchte? Wiget gibt in all seinen Fragen auch eine leise, zarte Andeutung: Vielleicht sollten wir nicht in Reinheit, Klarheit und pompösem Pathos, sondern durch Mischen, Fremdeln und brüchiges Tasten suchen. Der begeisterte Publikumsapplaus am Ende der Vorstellung war eine angemessene Antwort darauf.
– Nächste Vorstellungen: 3., 5., 10., 22. Dezember, jeweils 20 Uhr, Kammerbühne Freiburg.
Autor: Jürgen Reuß
