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07. Dezember 2009
Ein europäischer Weltbürger
Der Bulgare Ivan Schischmanoff hat als Gastdozent die slawische Kultur nach Freiburg gebracht / Studientag am Dienstag
Jedem eine Gedenktafel zu errichten, der in der Universitätsbibliothek längere Zeit mit Lesen verbringt, ist undenkbar. In Ivan Schischmanoffs Fall ist das anders. Von 1921 bis 1924 forschte und lehrte der Bulgare als Gastprofessor an der Freiburger Universität. Zu seinem Abschied sagte der damalige Direktor der Universitätsbibliothek, dass es eines Tages eine Gedenktafel an seinem Arbeitsplatz geben werde mit der Aufschrift "Hier hat Professor Schischmanoff drei Jahre lang ununterbrochen gelesen."
Bis vor kurzem lag das Verdienst des Wissenschaftlers noch im Verborgenen: konkret in den Tiefen des Universitätsarchivs. Rumjana Koneva, Lektorin für bulgarische Sprache, Literatur und Kultur am Slavischen Seminar der Universität mit rund 320 Studierenden, stieß ganz zufällig auf ihn. Die Bulgarin holte damit einen Wissenschaftler und europäischen Weltbürger an die Öffentlichkeit, der "ein Repräsentant der deutsch-bulgarischen Beziehungen ist und Vater aller kulturellen Institutionen Bulgariens". Durchforstet man das Internet nach Informationen zu Schischmanoff, so findet man nahezu gar nichts. In seinem Heimatland Bulgarien kennt man seinen Namen. Dass er sich drei Jahre in Freiburg aufhielt, war lange vergessen.
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Geboren 1862, studierte Schischmanoff unter anderem Philosophie, Literatur und Volkskunde in Jena, Leipzig und Genf. Nach der Befreiung Bulgariens von der fast 500-jährigen Herrschaft der Osmanen 1878 begann das Land, einen eigenständigen Staat und eine eigene kulturelle Identität zu entwickeln. Schischmanoff war daran maßgeblich beteiligt: Er war Mitbegründer der Sofioter Universität und wurde 1903 Bildungsminister. Außerdem baute er viele kulturelle und wissenschaftliche Institutionen auf, etwa die Musikhochschule in Sofia, die dortige Akademie der Künste und einen Dachverband für öffentliche Bibliotheken.
Dabei vertrat Schischmanoff, der sich zeitlebens mit Sprache und Folklore der Slawen beschäftigte, immer die – bis heute hochmoderne – Überzeugung: Die Brücke für die Verständigung zwischen den Völkern liegt in einer gemeinsamen europäischen Kultur. "Ein revolutionärer Gedanke in einer Zeit, in der Europa von nationalstaatlichen Gedanken beherrscht wurde", erklärt Koneva.
1921 wird Schischmanoff als Gastprofessor an die Freiburger Universität eingeladen. Hier hält er Vorlesungen über Kultur, Sprache und Geschichte der Slawen. Lagen die slawistischen Wissenschaftszentren vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin, Leipzig und Jena, so brachte Schischmanoff mit seinen Vorlesungen die slawische Kultur erstmals nach Freiburg. Daneben las Schischmanoff Herder und Goethe, denn er schätzte in deren Werken den kulturellen Einigungsgedanken.
Eine Gedenktafel, "das wäre eine einzigartige Aktion, um das kulturelle Gedächtnis an diesen großen Europäer weiterleben zu lassen", sagt Elisabeth Cheauré, Dekanin der Philologischen Fakultät. Gemeinsam mit Rumjana Koneva hat sie das Projekt ins Leben gerufen und hofft nun auf Unterstützung für die Gedenktafel etwa bei der Südosteuropa-Gesellschaft München, der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und der Sofioter Universität. Falls es gelingt, soll die Tafel 2010 am vierten Kollegiengebäude der Universität, dort wo sich damals die Bibliothek und Schischmanoffs Arbeitsplatz befanden, angebracht werden.
– Am morgigen Dienstag (19 Uhr, HS 1010, KG I) begeht das Slavische Seminar der Universität zum zweiten Mal den von Schischmanoff 1903 eingeführten "Feiertag der bulgarischen Studierenden".
Autor: Carina Brestrich
