Theater

Ein experimentelles Pop-Up-Opernfestival in Freiburg

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Fr, 06. Juli 2018 um 20:11 Uhr

Theater

Das junge norwegische Kollektiv by Proxy lädt die Zuschauer vor und im Theater Freiburg ein, "Oper" nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten. Eine überraschende Angelegenheit.

Seit Tagen ist ein aus Altfenstern montierter neuneckiger Pavillon Blickfang auf dem Theatervorplatz. Am Donnerstag wurde er vom norwegischen Live-Art-Kollektiv by Proxy zum Start des vom Theater Freiburg in Auftrag gegebenen "Experimentellen Pop-up-Opernfestivals" feierlich als Volksoper eröffnet. Das rote Band war kaum durchschnitten und noch kein Ton live gesungen, als sich Volkes Stimme in Person eines der illustren ständigen Bewohner des Stadttheateraußenbereichs erhob und vor Begeisterung über den jugendlichen norwegischen Schwung Projektleiterin Marthe Sofie Eide fast einen Heiratsantrag gemacht hätte, aber zu Eides Glück war er schon vergeben.

Bevor also die erste Arie erklungen war, hatte das Künstlerinnenkollektiv für eins seiner Ziele, der Oper neue Publikumsschichten zu erschließen, bereits einen Teilerfolg erzielt. Teilerfolg deshalb, weil der überschwängliche Fan eine Platzkarte für die begrenzten Plätze im kleinen Pavillon ausschlug. Offenbar lässt sich die innere Hürde, welcher Sphäre man sich zugehörig fühlt, auch dann nicht so leicht umgehen, wenn der Kunstraum extra niederschwellig rumpelig umrissen wird.

Wie sieht es mit Lohngleichheit im Kunstlied aus?

Die Stärke der Minivolksoper ist, dass sie diese Grenzen sichtbar macht. Besonders trat das zutage, als zu Beginn der eigentlichen Vorstellung die Türen geschlossen wurden. Drin waren rund zwanzig Zuschauende auf Tuchfühlung dabei, wie die Opernschülerinnen Irina Park, Leonardo de Cunzo und Lydia Dörr mit der Schauspielerin Stefanie Mrachacz ihre Erwartungen und Wünsche an die Oper der Zukunft in Worten und Arien formulierten. Inhaltlich soll es im Pavillon dabei durchaus ein bisschen genderpolitisch zugehen. Müssen Opern immer von Männern geschrieben und von Frauen in Unterwerfungsgesten gesungen werden? Wie sieht es mit Lohngleichheit im Kunstgesang aus?

Nach draußen drangen durch die geöffneten Fenster eher die Arien als die Inhalte. Schnell sammelte sich eine kleine spontane Zuschauertraube. "Meine erste Oper", flüstert ganz angetan der angeradelte Cafébesitzer von um die Ecke, bevor ein Handyanruf ihn wieder abberief.

Heute geht das interessante Spiel zwischen Drinnen und Draußen mit einem Einblick in eine installative Wachtraumoper weiter – vielleicht eine schöne Einstimmung auf die direkt im Anschluss programmierte Strawinsky-Premiere mit "Petruschka" und "Le Sacre du Printemps" von Graham Smiths School of Life and Dance im Großen Haus. Am Sonntag folgen ein Reigen sterbender Soprane und anschließend eine Abschlussparty in der Theaterpassage.

Popsongs zum Veropern

Einen Vorgeschmack, wie sich Party mit den by Proxy in der Theaterpassage anfühlen kann, gab es Donnerstagabend mit einem "Weder Pop- noch Opern-Konzert", das dann auf eine sehr schöne Weise doch beides war. Ein Männerdreigestirn der by Proxys hatte sich zum Elec- tropoptrio zusammengefunden und einer Opernband unter Leitung des Pianisten Johannes Knapp drei Popsongs zum Veropern gegeben. Die revanchierte sich mit drei Arien zum Verpoppen.

Ganz allerliebst, wie die drei vom Performancefach mit Discokugelhelmen und Synthis hinter ihren Rechnern E-Musik à la João Gilberto vertänzelten oder Roccos Goldarie zum Soundteppich für ein Merkel-Sample webten. Und geradezu umwerfend, wie Julienne Mbodjé in operngemäßem Prachtglitzer selbst dem Yeah-yeah in "Say my name" von Destiny’s Child Seele verlieh, und Johannes Knapp mit der Flötistin Myriam Stahlberger und dem Cellisten Denis Zdhanov das etwas komplexere "Yesterday" der Beatles mit einem augenzwinkernd zersägten Neue-Musik-Sound unterlegten.

Draußen im Pavillon platziert hätte dieses Konzert sicher einen spontanen Massenauflauf generiert. Aber wer weiß: Vielleicht hat sich das sympathische Minifestival mit softem genderpolitischen Tiefgang inzwischen auch so zum ausgeplauderten Geheimtipp gemausert.