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10. Februar 2011

Ein ganzes Menschenleben

Der finnische Meistertänzer Tero Saarinen mit "Blue Lady (revisited)" im Lörracher Burghof.

  1. Tero Saarinens Foto: Annette Mahro

Die Lady ist zum Mann geworden und sich dabei verblüffend treu geblieben. Tero Saarinens "Blue Lady (revisited)", mit der der finnische Meistertänzer am Dienstag im Lörracher Burghof zu Gast war, ist Hommage und Koproduktion in einem. Der Meistertänzer verbeugt sich darin vor der Choreographin Carolyn Carlson, die mit dem Stück 1983 zu einer der Größen des Modern Dance avancierte. Gleichzeitig ist die neue 70-minütige Soloperformance in enger Zusammenarbeit mit der Amerikanerin entstanden, die in Filmeinblendungen mehrfach aus dem Off grüßen lässt.

Vor diesem Hintergrund schafft Tero Saarinen mit seiner erdigen Körpersprache ein neues Stück, ohne die Urform dahinter verschwinden zu lassen. Die "Blue Lady" durchmisst, an die Jahreszeiten und ihre Seelenstimmungen angelehnt, ein Menschenleben. Entsprechend dominiert der Lebensbaum als eine Art Totem die Bühne. Im Frühling trägt Saarinen noch ein wie mit Wurzeln durchzogenes Grün und ist sprühende Lebenslust, Neugier und Begehren in einem. Das nächste Bild dominiert blasses Blau, für die Choreographin die Farbe von Wasser und Luft aber auch der Melancholie.

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Bis hierher war der Tänzer noch fröhlicher Troll, Erdgeist und werdender Faun, jetzt streift er ein wehendes Kleid über und beginnt, die Eingangsrolle endgültig zu verlassen. Im nächsten Akt ist er schon Teil des Bühnenbilds geworden und bewegt sich fest eingebunden in eine mächtige, die Sommerhitze symbolisierende rote Stoffbahn. In dieser "red Lady" manifestiert sich die von der Choreographin Carolyn Carlson aufgebrachte neue Form des Ausdruckstanzes, ihre meditativ, mystische Konzeption der Bewegung. Der Tänzer tritt hinter das Bild zurück. Die offenen Jalousien, die mehrfach vor ihm herabgelassen werden, nehmen das auf und zerteilen das Bildgeschehen in Assoziationsstreifen.

In der schwarzen Lady zum Schluss haben den Tanzenden merklich seine Kräfte verlassen. Der fröhliche Springinsfeld aus dem ersten Bild ist nicht wiederzuerkennen. Schwarz gewandet, zudem mit Hut und Schirm versucht er nur noch zögerlich einige Sprünge, geht mehr gebeugt und verfällt in Rodin’sche Denkerpose. Zwischen Sommerhitze und dem Frost des Winters liegt indes noch der Herbst, der, bevor die Bewegung gefriert, noch einmal alles mit dem Glanz der tief stehenden Sonne überzieht. Der Hintergrund bekommt jetzt mit zart bewölktem hellblauem Himmel, vor dem der Tänzer einen knielangen gold fließenden Rock trägt, etwas Botticellihaftes.

Auch wenn die Gefahr hier, zumal mit leise auf die Bühne herabrieselnden Blättern, zum Greifen nahe gewesen wäre: Der Finne mit dem durchweg starr in andere Welten gerichteten Blick schafft es, auch dieses Bild nicht ins Kitschige abgleiten zu lassen. Stattdessen knüpft er in seinem Herbst noch einmal an die Jugendsprünge des ersten Bildes an, bevor das schwarze Gewand schließlich alles Gold verschlingen wird. Es gibt schönere, geschmeidigere Tänzer als ihn, aber wenige mehr begnadete. Von seinem Charisma, mit dem Tero Saarinen 2005 letztmals in einer bestechenden Soloversion des "Sacre du Printemps" in Lörrach zu sehen war, hat der Meister auch jenseits von Strawinsky nichts verloren.

Autor: ama