Ein heiliger Papagei

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Di, 11. Dezember 2018

Ausstellungen

Elisabeth Roths "Silhouetten" in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg.

Aus purem Geiz soll der französische Finanzminister unter Ludwig XV., Étienne de Silhouette, seine Wände nur mit Scherenschnitten dekoriert haben, anstatt, wie in seinen Kreisen üblich, mit aufwändigen Gemälden. Auf Dauer aber emanzipierte sich das als Billigkunst verbreitete Genre, so dass dem Chevalier immerhin die Ehre zufiel, als Namensgeber des Umrissbildes in die Geschichte einzugehen.

So kommt es, dass "Silhouetten" als durchaus tragfähiger Titel für eine zeitgemäße Ausstellung funktioniert wie für die Arbeiten der 1983 geborenen Elisabeth Roth in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg. Gleich gegenüber dem Eingang wandert der Papierschnitt eines Papageis durch das Bild einer Videoanimation. Mit dem Titel "Ein schlichtes Herz" zitiert die Künstlerin eine Kurzgeschichte des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert, in der ein Papagei zum Heiligen Geist mutiert.

Mit dem grell-bunten Vogel kontrastiert der in einem schwarzen Unraum isolierte, hektisch monologisierende Mund aus Samuels Becketts Kurzfilm "Not I". Wie ein Prolog führt der beziehungsreiche Loop des Videos hin zu den verschiedenen Werkgruppen, wobei der zweidimensionale Papagei die Collagen aus den Altarfiguren des spätmittelalterlichen Holzschnitzers Tilman Riemenschneider ankündigt. Dafür zerschneidet Roth antiquarische Kunstbücher mit schwarz-weißen Abbildungen. Ihre Präferenz für das veraltete Material begründet sie mit dessen haptischer Suggestion, die sie bei Farbdrucken vermisse. In den Collagen konturieren, verdoppeln oder überlagern die beim Ausschneiden abfallenden Negativformen die Heiligenfiguren der Riemenschneiderfotos. Das Changieren zwischen Positiv- und Negativfolie unterläuft das Hintergrund-Figur-Schema, wie es sich in dem Beckett-Film bereits andeutet.

Tatsächlich gibt es kaum bildnerische Verfahren, die das angeborene Wahrnehmungsprinzip des Hintergrund-Figur-Schemas so einprägsam veranschaulichen wie das uralte Schattenspiel und der daraus entstandene Scherenschnitt. Gerade deshalb aber provoziert dieses so reduktionistische wie starre Schwarz-Weiß-Schema, in Verwirrung gebracht zu werden, wie nicht zuletzt durch Roths, mit einfachsten Mitteln realisierten Papierarbeiten.

Komplizierter, doch genauso im Lauf der Mediengeschichte verschollen, ist die Technik der Cyanotypie, bei der man in der Frühphase der Fotografie mit einer alternativen lichtempfindlichen Chemikalie experimentierte. Auch dieses Verfahren reaktiviert Roth, indem sie auf großen Papierbögen Herbstlaub oder einen fein gewebten Vorhang ablichtet. Wie dessen weißes Flächenornament sich mit dem besonderen Farbton des Cyanblaus verwebt, beweist, dass das Megamedium Computer in der Kunst nicht jedes analoge Medium absorbiert.

Katholische Akademie, Wintererstraße 1, Freiburg. Bis 2. Februar, Montag bis Freitag 8 bis 19 Uhr
(21. Dez. ab14 Uhr bis 6. Jan geschlossen).