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14. November 2009

Ein Manifest der Gewalt

Roberto Bolaños postum erschienener Roman "2666" ist eine große Erzählung über unsere Zeit und die Verbrechen, die ihr vorausgingen / Von Annette Hoffmann

  1. Roberto Bolaño Foto: afp

  2. Blutige Spuren der Gewalt: Eingang zu einem Drogenbehandlungszentrum in Ciudad Juárez nach einem Überfall im August, bei dem 18 Menschen starben. Foto: afp

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V erfügten Bücher über ein eigenes Licht, das von Roberto Bolaños Roman "2666" wäre das quecksilbrige Morgengrauen. Es ist die Zeit, in der Liebende irgendwo in Spanien die Grabnische verlassen, in der sie Unterschlupf fanden, in London, Turin, Madrid und Paris schlecht geträumt wird, manche Flucht gelingt. Es ist aber auch die Zeit, in der die ermordeten Frauen von Santa Teresa auf illegalen Mülldeponien oder in der Wüste beseitigt werden.

Roberto Bolaños postum erschienener Roman, der Autor starb 2003 in Barcelona, nähert sich seinem eigentlichen Kern allmählich an. "Der Teil von den Verbrechen" ist der vierte von insgesamt fünf, die Bolaño kurz vor seinem Tod als Einzelveröffentlichungen vorsah. Dass sich sein spanischer Verlag nicht an den Willen des Autors hielt, ist nur zu begrüßen, denn die einzelnen Teile des 1085 Seiten starken Romans sind durch eine kompliziertes Zeitkonstruktion miteinander verbunden. Es herrscht keine Chronologie zwischen den verschiedenen Erzählungen, die mit der Suche von vier Literaturwissenschaftlern nach dem vermeintlich bedeutendsten Autor der deutschen Nachkriegsliteratur Benno von Archimboldi beginnt.

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In einem Interview mit dem "Playboy", das wenige Tage vor seinem Tod erschien, beantwortete Bolaño die Frage, wie er sich die Hölle vorstelle: "Wie (die Stadt) Ciudad Juárez, unser Fluch und unser Spiegel, der beunruhigende Spiegel unserer Frustrationen, unserer infamen Interpretationen der Freiheit und unserer Sehnsüchte". Über die Stadt hat er nun als Schriftsteller aufgeklärt und nicht als Detektiv, "der ganz allein, des Nachts, an den Ort des Verbrechens zurückkehrt und keine Angst vor Gespenstern hat", wie er weiter ausführt. Ciudad Juárez, die mexikanische Stadt an der Grenze zu den USA – Freihandelszone mit unzähligen riesigen Fabriken, in denen unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen vor allem Frauen die Billigprodukte des Westens herstellen – heißt bei Bolaño Santa Teresa. Als ob sich an der Mordserie, der seit 1993 um die 400 Frauen zu Opfer gefallen sind, und an dem Drogenkrieg, der hier denkbar aggressiv geführt wird, etwas Heiliges finden könnte. Bevor der Leser einen Eindruck dieser Stadt gewinnen kann, hat er ihren Geschmack im Mund, ihren Staub in den Augen. Verwesung liegt in der Luft. "Die Tote lag auf einer kleinen Brache in der Siedlung Las Flores. Sie trug ein weißes, langärmliges Hemd und einen gelben, knielangen Rock höherer Konfektionsgröße. Spielende Kinder hatten sie gefunden und ihre Eltern benachrichtigt. Eine der Mütter verständigte die Polizei, die eine halbe Stunde später eintraf", so beginnt der "Teil von den Verbrechen".

Roberto Bolaño spielt mit autobiografischer Fiktion. Er, der sich lange als Lyriker sah, schrieb Erzählungen über Literaturwettbewerbe, mit denen er in Literaturwettbewerben gewann. Einen der Protagonisten in seinem ersten Roman "Die wilden Detektive" stattete er mit Zügen seines Freundes Mario Santiago aus, eine andere Figur mit Bruchstücken seines Lebens. Die Flucht aus Chile, wo Bolaño 1953 geboren wurde, das Exil, der Job als Campingwärter: all das findet sich bei seinem Alter Ego Arturo Belano wieder.

Bei "2666" wurde es ein Schreiben im Wettlauf mit dem Tod. Den Roman konnte er beenden, auf eine Organtransplantation – Bolaño litt an einer Lebererkrankung – wartete er vergeblich. Der Furor, mit dem Bolaño gearbeitet hat, teilt sich mit. "2666" ist ein aufklärerischer und zugleich literarischer Roman. Er gibt den Opfern etwas von der Würde zurück, die die Mörder ihnen genommen haben. 108 Leichenfunde reiht der Erzähler aneinander, beschreibt, wo und wie die Opfer gefunden wurden, wie sie zu Tode kamen. Junge Mädchen, Frauen, meist entwurzelte Wanderarbeiterinnen der Fabriken, die entführt, vergewaltigt und erwürgt wurden, dann kam der Fall zu den Akten, so lautet das wiederkehrende Manifest der Gewalt. Das ist mitunter – selbst in dieser Mischung aus Akribie und Empathie – nur schwer zu ertragen.

Bolaño glich seine eigenen Recherchen mit denen des mexikanischen Journalisten González Rodríguez ab und hatte daher ein immenses Detailwissen über die Fundorte der Leichen und die Gemengelage von Drogenkartell, Politik und Polizei in Ciudad Juárez. "2666" ist aber auch ein Roman über den Roman, der wie keine andere literarische Gattung Welt entwerfen kann. "2666" vereint in sich verschiedene Genres wie die Liebes- und Detektivgeschichte und den Picaro-Roman des verschwundenen Benno von Archimboldi, der wie ein moderner Parzival durch die Verbrechen des 20. Jahrhunderts wandert. Am Ende wird Hans Reiter über Umwege mit den Morden in Santa Teresa verbunden sein. Waren in "Die wilden Detektive" die lateinamerikanischen Diktaturen die Folie, geht Bolaño in "2666" weiter. Der Roman handelt von der den Serienmorden inhärenten Logik des entfesselten Kapitalismus: Menschen werden zur austauschbaren Ware. Der eigentliche Sündenfall jedoch, das zeigt sich im letzten Teil, der "Geschichte von Archimboldi", ist der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, das Dritte Reich mit seiner entfesselten Gewalt.

Wirklichkeit ist in Bolaños Romanen immer durch Literatur und Kunst vermittelt. Die vier Literaturwissenschaftler werden nicht müde, wie Detektive jede noch so kleine Spur des verschollenen Autors Archimboldi zu verfolgen. Als der Philosophieprofessor Amalfitano unter seinen Büchern eine Abhandlung über Geometrie findet, hängt er sie an einer Wäscheleine auf: ein Readymade, frei nach Duchamp. Dass sich dies alles auf sinnliche, direkte, auch witzige Weise vermittelt, zeichnet Bolaños Prosa aus, die mehr von der Beatnick-Literatur als vom Magischen Realismus lateinamerikanischer Autoren beeinflusst ist. "2666" lässt sich durchaus mit den Romanen von Cormac McCarthy vergleichen, der unserer Gegenwart ein ähnlich düsteres Gemälde geschaffen hat. Der Erzähler macht sich auf die Spur der Mechanik der Gewalt, die noch im Pornofilm zu entdecken ist. "Ihre Augen, starr in die Kamera gerichtet, die ihrerseits ihr Gesicht heranzoomte, sagten etwas in einer unbekannten Sprache. Für einen Moment schien ihr ganzer Körper zu leuchten, ihre Brüste schimmerten, ebenso ihr Kinn, halbverdeckt von der Schulter eines der Kerle, und ihre Zähne erstrahlten in übernatürlichem Weiß. Dann schien ihr Fleisch sich von den Knochen zu lösen und auf den Boden des namenlosen Bordells zu fallen oder sich in Luft aufzulösen, und zurück bliebe ein blitzblankes Skelett, ohne Augen, ohne Lippen, ein Totenschädel, der plötzlich lauthals über alles lachte."

Es ist ein Wahnsinn, der ansteckt und in den Hinterhof überspringt, in dem im Zwielicht ein Buch im Wind weht. "2666" ist ein maßloses, ein großartiges Vermächtnis.

– Roberto Bolaño: 2666. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser Verlag, München 2009. 1096 Seiten, 29,90 Euro.
– Der Verleger Heinrich Berenberg spricht am 20. November um 20 Uhr in der Freiburger Buchhandlung Schwarz über Bolaño.  

Autor: Annette Hoffmann