Ein Melodienfahnder

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Fr, 20. Juli 2018

Klassik

Der Brite Henry Fairs spielte an den Freiburger Münsterorgeln.

Scharfes oder Spitzes hörte man den ganzen (chorallosen) Abend über nicht. Der 1976 geborene Henry Fairs, der jetzt erstmals an den Freiburger Münsterorgeln konzertierte, ist vielmehr ein Freund der warmen, runden und grundstimmigen Klänge. So bot der in Birmingham und Leipzig lehrende Brite als Hauptwerk denn auch die Sonate seines Landsmanns Edward Elgar. Jenen eher lyrisch geprägten G-Dur-Halbstünder von 1895, der hierzulande selten auftaucht. Den Viersätzer, der mit den so effektvollen wie populären "Pomp and Circumstance"-Märschen seines Schöpfers und mit der dezidierten Orgelsinfonik eines Widor und Vierne weniger verwandt ist als mit der gediegenen Sonatenwelt Josef Rheinbergers oder Alexandre Guilmants.

Obendrein erwies sich Fairs als Melodienfahnder. Bei Elgar wurde er diesbezüglich fündig. Sehr schön und profund, wie der souveräne (ohne Assistenten auskommende) Interpret diese doch eigene Musik aufbereitete. Tonkunst für Kenner und Liebhaber, die auf Überrumpelung und Knallpeng verzichtet. Ausnahme: Very british wirkte die Darbietung, als punktuell die Tuba magna, das aus London bezogene Power-Register der Michaelsorgel auf der Westempore, tüchtig tutete. Zudem war die große Marienorgel vorn in der Vierung ein Aktivposten bei dieser vom Hauptspieltisch aus gesteuerten exemplarischen Elgar-Auslegung.

Wie nahe ihm die deutsche Romantik steht, zeigte Fairs bei den in unserem Konzertbetrieb gleichfalls raren Skizzen op. 58 von Robert Schumann. Feinfühlig und plastisch deutete der Organist, bei dem Kraft und Gestaltung offenkundig aus innerer Ruhe resultieren, die durchaus orchestrale Klangkultur dieser mitunter scherzonahen kleinen (ursprünglich dem Pedalflügel zugedachten) Stücke. Auch hatte Fairs die Vortragsanweisungen genau gelesen. Geschmackvoll und angemessen war die grundstimmige Registrierung – nicht zu vergessen die bestens gewählten schmückenden Zungenstimmen bei der dritten Skizze (f-Moll) und der finalen Nr. 4 (Des-Dur).

Apropos Zungenregister: Bei der Bach-Exegese an der Schwalbennestorgel kam ein solches erst im letzten Satz. Fairs legte bei der Interpretation von Bachs d-Moll-Concerto BWV 596, dieser Bearbeitung eines Vivaldi-Werks, große Klarheit an den Tag. Wobei die Registrierwünsche des Arrangeurs (ergo: Prinzipal & Co.) beachtet wurden. Die Schlussetappe zeichnete sich durch Frische und (Pedal-)Zunge aus. Auch hatte man mit dem sehr fähigen Mann von der Insel einen Ausflug in die ältere Musikgeschichte seines Landes unternehmen können: zu der beinah cembalesken Fantasia in a des 1623 verstorbenen William Byrd. Ein mehrteiliges Opus, dessen Wiedergabe peu à peu lebendiger (und heller) wurde. Überdies realisierte man, dass schon zu Byrds Zeiten das erfunden war, was wir eine Endlosschleife nennen.